Bald könnten Kassenzettel auf Thermopapier oder Getränkeflaschen aus Plastik verschwinden. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) will die Verwendung gefährlicher chemischer Verbindungen weitaus stärker regulieren als derzeit. Das Gremium, das die EU zu Risiken entlang der Lebensmittelkette informiert, empfiehlt eine drastische Einschränkung solcher Stoffe, die erwiesenermaßen der Gesundheit schaden.

- © Secrete Molecule / Myles Marshall
© Secrete Molecule / Myles Marshall

Insbesondere der Grenzwert für die tägliche Aufnahme von Bisphenol A (BPA), das sich in Plastikflaschen, Plastikspielzeug, Thermopapier oder Innen-Beschichtungen von Konservendosen befindet, müsse um 100.000 auf 0,04 Nanogramm herabgesetzt werden. BPA sickert aus den Verpackungen in die Lebensmittel, stört den Hormonhaushalt und wird mit Erkrankungen in Verbindung gebracht. Die Grenzwertsenkung könnte zu einem De-facto-Verbot des Diphenylmethan-Derivats führen.

Auswirkungen auf Babys

"Das wäre der Grabstein für BPA in Europa", wird Laura Vandenberg, Endokrinologin an der Universität Massachusetts, in einem Fachartikel zitiert. Laut dem Bericht wurden die bisherigen Grenzwerte auf der Basis von großen Studien zum Konnex von Chemikalien und Erkrankungen gezogen. Die neue Bewertung gibt kleineren Analysen, wonach schon wenig BPA subtile Veränderungen im System auslösen, welche später zu gesundheitlichen Problemen führen können, mehr Gewicht. Der Zugang könne laut der Behörde niedrigere Expositionswerte auch bei anderen Stoffen rechtfertigen.

Für den neuen Expositionswert richtet die EFSA sich nach der niedrigsten Dosis mit biologische Auswirkungen. Etwa konnte die Anhui Medical University in China zeigen, dass mehr BPA in Mäusen die Zahl jener Immunzellen erhöhte, die Entzündungs- und Autoimmunerkrankungen auslösen.

Neben BPA gibt es mehrere 100 Substanzen mit bekannter oder vermuteter gesundheitsschädigender Wirkung. Auch viele endokrin wirksame Verbindungen kommen in synthetischen Produkten vor. Nur ein kleiner Teil wurde bisher auf Kombinationseffekte untersucht. Im Fachjournal "Science" berichtet ein Forschungsteam von einem neuen methodischen Ansatz, um komplexe Untersuchungen zu den Auswirkungen von Chemikaliengemischen durchzuführen. Das Team um den Endokrinologen Nicolò Caporale vom Institut für Onkologie der Universität Milano hat Daten zu den Auswirkungen von chemischen Verbindungen auf die sensible Gehirnreifung von Ungeborenen während der Schwangerschaft ausgewertet.

Laut der Analyse aus epidemiologischen Daten und molekularbiologischen Experimenten waren 54 Prozent der Kinder einer Kohorte vor der Geburt bedenklichen Mengen von Chemikaliengemischen ausgesetzt. Das korrelierte laut den Forschenden mit einem 3,3 Mal so hohen Risiko einer Verzögerung des Sprachvermögens im Alter von zweieinhalb Jahren.

Das Team identifizierte einen potenziell gesundheitsgefährdenden Chemikalienmix, der mit dieser Entwicklungsverzögerung in Zusammenhang stehen könnte. Von den insgesamt 1.874 Müttern suchte es jene aus, deren Kinder langsamer sprechen lernten. Danach prüften sie deren Blut- und Urinproben, die in der zehnten Schwangerschaftswoche genommen worden waren, auf den Gehalt von 15 Stoffen, die den Hormonhaushalt angreifen, genannt endokrine Disruptoren (EDC). Daraus leiteten sie einen Mix aus hormonaktiven, chemischen Substanzen ab, die schon in geringen Konzentrationen die menschliche Gesundheit schädigen können und in Alltagsgegenständen, Kosmetika oder Pestiziden enthalten sind.

In einem zweiten Schritt untersuchten die Forschenden an Gehirnorganoiden aus menschlichen Stammzellen sowie in Tierversuchen, bei welchen Grenzwerten der vorher identifizierte EDC-Mix toxische Eigenschaften zeigt. Dabei entdeckten sie, dass die Substanzen sich auf die Aktivität von Genen des Hormonhaushaltes und auf Gene, die mit Autismus assoziiert sind, auswirkten.

In einem letzten Schritt analysierten sie nochmals die Daten der Urin- und Blutproben und glichen sie mit den ermittelten Grenzwerten ab. Dabei konnten sie feststellen, wie viele Kinder der Kohorte einer potenziell toxischen Gemischmenge während der Schwangerschaft und damit einem höheren Risiko einer Entwicklungsstörung ausgesetzt waren. Einen kausalen Zusammenhang könnten solche Untersuchungen nicht ermitteln, so die Forscher. Es handle sich jedoch um auffällige Korrelationen, die eine vorsorgliche Risikobewertung ermöglichen könnten. "Eins plus eins ist manchmal mehr als zwei, zumindest bei Giften. ‚Cocktail-Effekte‘ sind der Heilige Gral der Toxikologie", sagt Thomas Hartung, Direktor des Zentrums für Alternativen zu Tierversuchen der Johns Hopkins Universität im US-Staat Maryland.