"Wiener Zeitung": Kürzlich veröffentlichte die "Neue Zürcher Zeitung" ein Interview mit dem deutschen Nanophysiker Roland Wiesendanger, der es für wahrscheinlich hält, dass Sars-CoV-2 dem Institut für Virologie in Wuhan entwichen ist. Wiesendanger beschuldigt die Wissenschaft, die Öffentlichkeit in die Irre geführt zu haben. In einem Beitrag im Fachjournal "The Lancet" hätten prominente Forscher Anfang 2020 die Laborthese als Verschwörungstheorie bezeichnet, hinter der Publikation sei jedoch der Interessensvertreter Peter Daszak gestanden, der am Institut in Wuhan umstrittene Experimente beantragt habe. Grundsätzlich: Was wird in solchen Labors gemacht und wozu?

Das Institut für Virologie in Wuhan, hier beim Besuch der WHO 2021, steht im Fokus. - © afp / H. Retamal
Das Institut für Virologie in Wuhan, hier beim Besuch der WHO 2021, steht im Fokus. - © afp / H. Retamal

Andreas Bergthaler: Im Prinzip geht es in derartigen Virologie-Labors darum, zu verstehen, wie Viren funktionieren, wie sie Zellen infizieren können und Tiere und Menschen krank machen. Die allermeisten Viren sind von Tieren auf Menschen übergesprungen, es gibt also ein sehr berechtigtes Interesse, dass man verstehen will, welche Erreger in Tieren zirkulieren und eine potenzielle Gefahr darstellen. HIV etwa war ursprünglich eine Zoonose, bei der Retroviren vermutlich in den 1920ern von Schimpansen in Zentralafrika auf den Menschen übergetreten sind. Auch die saisonale Grippe nimmt ihren Ausgang in Vogelpopulationen in Asien und zieht dann um den Erdball. Für die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen ist es daher wichtig, zu wissen, welche Viren wo unterwegs sind und ob sie Pandemie-Potenzial für den Menschen besitzen.

Andreas Bergthaler (44) ist Virologe am Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Akademie der Wissenschaften und Professor für Molekulare Immunologie der MedUni Wien. Bergthaler sequenziert das Erbgut von Coronavirus-Varianten. apa / Roland Schlager - © APA/ROLAND SCHLAGER
Andreas Bergthaler (44) ist Virologe am Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Akademie der Wissenschaften und Professor für Molekulare Immunologie der MedUni Wien. Bergthaler sequenziert das Erbgut von Coronavirus-Varianten. apa / Roland Schlager - © APA/ROLAND SCHLAGER

Wie leicht kann etwas aus einem Hochsicherheitslabor entwischen?

Wenn man mit verhältnismäßig harmlosen Viren arbeitet, gilt Biosicherheitsstufe 2. Bei gefährlicheren Erregern, wie HIV oder Sars-CoV-2, benötigt es Biosicherheitsstufe 3. Sehr gefährliche Viren, wie Ebola, dürfen nur unter der höchsten Sicherheitsstufe 4 erforscht werden. Forscher arbeiten dabei in Vollschutzanzügen ähnlich wie Astronauten und mit Atemschutzmasken. Sie haben eine externe Luftzufuhr, die Abluft wird gefiltert, das Abwasser behandelt und Equipment nach der Nutzung teilweise verbrannt. Speziell geschultes Personal kann nur durch Schleusen eintreten, alles ist videoüberwacht. Weiters herrscht eine Unterdruck-Atmosphäre, damit bei einem Leck Luft hineingezogen wird und nicht austritt. All diese strikten Maßnahmen sollen verhindern, dass Erreger unkontrolliert entweichen. Trotzdem können Fehler passieren.

Machen wir ein Gedankenspiel in "James Bond"-Kategorien und nehmen an, ich habe vor, die globale Nummer Eins zu werden. Dazu muss ich nur einen totalen Stillstand erzeugen und als Einzige das Gegengift besitzen, etwa indem ich oder jemand anderer die Impfung in meinem Hoheitsgebiet herstellt. Ich erzeuge eine Pandemie mit einem unbekannten Virus, das im Labor generiert wird und als einzige Gegenstrategie Lockdowns zulässt, die die Wirtschaft lähmen. Dabei mache ich ein doppeltes Geschäft: Ich weiß, was kommt, plane ökonomisch vor und bringe mein Gegengift an. Das Pech ist nur, dass mir das Virus zu früh auskommt. Wie entkräften Sie diese Theorie?

Da sind sehr viele Annahmen dabei, die tatsächlich ins Reich der Spekulation zu befördern sind, weil viel davon in dieser Form weder planbar noch absehbar ist. Ich bin mir zudem nicht sicher, ob am Ende des Tages China der Profiteur der Pandemie ist, denn auch dort sind die Einschränkungen massiv.

Grundsätzlich muss man auch definieren, worum es geht. Das eine ist, zu versuchen, absichtlich einen Schaden herbeizuführen. Die Herstellung von militärischen Biowaffen, wie beispielsweise Anthrax im Kalten Krieg, gehört dazu. Ich tue mir jedoch sehr schwer, etwas derartiges in einem wissenschaftlichen Laborumfeld zu verorten. Das Institut für Virologie in Wuhan ist kein geheimes Labor und publiziert international. Die Virologin, die speziell im Fokus steht, Shi Zhengli, ist wissenschaftlich hoch angesehen und hat ihre Ergebnisse in Topjournalen publiziert. Natürlich gibt es auch problematische Aspekte, da wohl nicht alle verfügbaren Dokumente freigegeben sind. Das schafft einen Nährboden für Verschwörungstheorien und erschwert bisher die letztgültige Beantwortung von Fragen zum Ursprung von Sars-CoV-2 und dem Übertritt auf den Menschen.

Die Übernahme der Weltherrschaft durch einen kleinen Kreis passiert also tatsächlich nur im Film?

Dass Sars-CoV-2 absichtlich kreiert wurde, um einen Schaden zu verursachen, dessen Folgen so klar berechenbar sind, dass sie einem selbst am Schluss tatsächlich zum Vorteil gereichen, halte ich für äußerst unwahrscheinlich. Da muss man sehr viele gewagte Annahmen treffen und es kann ja auch nach hinten losgehen. Als Strategie in Friedenszeiten scheint es mir schon sehr gewagt, bewusst etwas freizusetzen, von dem man glaubt, dass man es kontrollieren kann, während es den Rest der Welt in die Knie zwingt.

Das "James Bond"-Szenario geht jedoch auch von einem Unfall aus.

Dabei ist die Definition des Begriffs Unfall wichtig. Ein forschungsassoziierter Unfall muss nicht unbedingt im Labor selber stattfinden, es können auch andere, unterschiedliche Ereignisse passieren, die im Zusammenhang mit der Forschung stehen. Etwa könnten sich Forscher, die in Fledermaushöhlen Tiere sammeln oder Kotproben nehmen, infizieren und die Krankheit unwissentlich verbreiten. Dieser Unfall hätte dann zwar mit der Forschung zu tun, wäre aber keineswegs eine bewusste Freisetzung.

Sie schließen einen forschungsassoziierten Unfall also nicht aus?

Ich kann das nur aus der Ferne beurteilen. Es scheint mir jedoch aufgrund der öffentlich vorliegenden Datenlage schwierig, zum jetzigen Zeitpunkt einen forschungsassoziierten Unfall völlig auszuschließen.

Wie kann man anhand der Gen-Sequenz eines Virus erkennen, ob es natürlich mutiert ist oder nicht?

Man hat unterschiedliche Anhaltspunkte. Wenn man die genetischen Sequenzen von Sars-CoV-2 genau anschaut, lassen sich viele davon in der Natur beobachten. In vielerlei Hinsicht fügt sich das Genom von Sars-CoV-2 ganz gut ein in das Spektrum von Coronaviren, das man bei Mensch und Tier kennt. Auch taucht nicht auf einmal eine fremde Sequenz im Virusgenom auf, die Rückschlüsse auf eine gezielte genetische Veränderung zulassen würde.

Eine Diskussion dreht sich um die Furin-Spaltstelle, die, wie es heißt, dafürspreche, dass das Coronavirus gemacht sei: Was genau ist das?

Das Sars-Coronavirus 2 gehört zur Untergattung der Sarbecoviren in der Gattung der Beta-Coronaviren. Damit ist es dem originalen Sars-Virus, das 2002 auftrat, recht ähnlich. Furin-Stellen helfen dem Erreger, sich auf besonders effiziente Weise mit der Wirtszelle zu fusionieren, indem sie das charakteristische Spike-Protein spalten. Im originalen Sars-Virus hat man Furin-Stellen bis jetzt nicht gefunden, in Sars-CoV-2 aber schon.

Furin-Stellen gibt es bei vielen Viren, auch bei HIV und Influenza, und sie finden sich häufig bei anderen Coronaviren, wie Mers oder den Schnupfenviren OC43 und HKU1. Da jedoch das originale Sars-Virus keine solche Furin-Stelle besitzt, laufen manche Argumente darauf hinaus, das dies beim verwandten Sars-CoV-2 von Menschenhand geschaffen worden wäre. Diese Spekulationen werden zusätzlich davon genährt, dass es tatsächlich Projektanträge gab, wo Forscher in Fledermaus-Coronaviren Furin-Spaltstellen einbauen wollten. Ob diese Experimente je stattgefunden haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Es kommt aber hinzu, dass viele sich fragen, wie groß der Zufall sein muss, wenn die Pandemie in Wuhan mit einem der wenigen chinesischen Hochsicherheitslabore, in dem mit Fledermaus-Coronaviren gearbeitet wird, ihren Ausgang nahm.

Ein Paper im Fachjournal "Nature" gibt der These, dass Sars-CoV-2 auf natürlichem Wege entstanden ist, Rückenwind. Was wurde erforscht?

Diese aktuelle "Nature"-Studie ist spannend. Bisher war als nächstverwandte Sequenz von Sars-CoV-2 ein Fledermaus-Coronavirus bekannt, das in China 2013 isoliert wurde. Somit gab es eine relativ große Lücke und man ging vielfach von einer Übertrittskette von der Fledermaus über einen Zwischenwirt auf den Menschen aus. Dafür hatte man das Schuppentier im Verdacht.

Nun aber haben Forscher in Nordlaos in Südostasien in Fledermäusen Viren isoliert, deren Sequenzen sehr viel näher dran sind an Sars-CoV-2. Besonders beeindruckend ist, dass die Rezeptor-Bindungsstelle des Spike-Proteins dieser neu beschriebenen Viren aus der Fledermaus fast völlig ident mit jener von Sars-CoV-2 im Menschen sind. Die Studie zeigt, dass auch diese Viren in menschliche Zellen über den Rezeptor ACE-2 eindringen können, wie wir das von Sars-CoV-2 kennen. Somit muss man davon ausgehen, dass diese Viren, die in den Fledermäusen in Laos zirkulieren, auch Menschen infizieren könnten.

Es braucht keinen Zwischenwirt?

Die Resultate suggerieren, dass es unter Umständen keines Zwischenwirtes bedurfte und Sars-CoV-2 direkt auf den Menschen übergetreten ist. Jedoch wurden in den Virus-Isolaten von Laos die Furin-Stelle nirgends entdeckt.

Wie lässt sich das erklären?

Diesen Puzzlestein kann man noch nicht ganz zuordnen. Möglicherweise wurden nicht genug Proben sequenziert. Gleichzeitig ist von Coronaviren bekannt, dass sie rekombinieren können: Wenn zwei unterschiedliche Exemplare zufällig eine Zelle gleichzeitig infizieren, können Genomabschnitte ausgetauscht werden. Die Forscher spekulieren, dass Sars-CoV-2 vielleicht auf diesem Weg die Furin-Stelle aufgenommen hat. All dies geht in die Richtung, dass die einfachste Erklärung die plausibelste ist: Ähnliche Viren gibt es bereits in der Natur, sie müssen nicht von Menschenhand erschaffen werden. Dennoch lässt sich derzeit die Möglichkeit nicht völlig ausschließen, dass ein forschungsassoziierter Unfall bei der Verbreitung von Sars-CoV-2 eine Rolle gespielt haben könnte.