Ob positiv oder negativ besetzt - Einsamkeit ist ein Zustand, der von den Menschen individuell gänzlich unterschiedlich empfunden wird. Während sich manche in die Einsamkeit zurückziehen, um kreativ zu sein, erleiden sie andere als Schicksal. Die Corona-Pandemie mit ihren Lockdowns hat eine neue Art der Einsamkeit hervorgebracht - nämlich die erzwungene. Auch hier gab es individuell unterschiedliche Gefühlsempfindungen. Das Phänomen Einsamkeit und ihr Einfluss auf die Weiterentwicklung der Persönlichkeit waren am Donnerstagabend im Fokus einer gemeinsamen Diskussionsveranstaltung von Social City Wien und der "Wiener Zeitung" in der Hauptbücherei Wien.

Während sie selbst gewählt dem eigenen Ich und dem eigenen Denken Raum geben kann, ist die unerwünschte Einsamkeit mit Trauer, Angst und Depression verbunden, erklärte Anita Eichinger, Direktorin der Wienbibliothek im Rathaus. Gerade letzterem Zustand müsse man eine Stimme geben. Denn wir "sind als Gesellschaft gefordert, Menschen aus der Einsamkeit zu holen".

Faktor Verbundenheit

Die Verbundenheit sei ein wesentlicher Faktor zur positiven Sichtweise, betonte die Künstlerin Ruth Mateus-Berr, die auch an der Universität für Angewandte Kunst lehrt. "Zum Schaffen braucht man Einsamkeit, man braucht Muse." Ist sie allerdings erzwungen, dann fehle die Verbundenheit mit anderen. Der Idealzustand von Einsamkeit wäre, "alleine sein zu können und dabei gleichzeitig Verbundenheit zu wissen und dadurch auch Sicherheit zu haben". Alleine sein zu können, sei wichtig, um überhaupt erst Beziehungen leben zu können, so die Künstlerin.

Um in Beziehung zu treten, sei es zu wenig, nur auf Social Media zu setzen, betonte Cosima Sablatnig, Vertreterin der Plattform YEP (Youth Empowerment Participation) - Stimme der Jugend. Vor allem während der Lockdowns hätte sich das gezeigt. "Nur weil wir eine Mediengeneration sind, heißt es nicht, dass wir nicht genauso echten Kontakt brauchen", betonte sie. Social Media sei eine Ergänzung, aber kein Ersatz.

In der Kunst, Literatur und Philosophie ist Einsamkeit ein wesentlicher Faktor. "Sie ist der Ausgangspunkt, damit Denken stattfinden kann", betonte Eichinger. Dennoch brauche das Bewusstsein des Menschen ein Gegenüber, um sich zu bilden. Denn auch für Künstler sei es wichtig, mit der Gesellschaft in Response zu gehen, die Arbeiten zu zeigen und damit wieder in einen Dialog zu treten, stellte Mateus-Berr fest. "Die Werke entstehen in der Einsamkeit, aber sie entstehen für das Publikum", fügte Eichinger hinzu.

Um mit Einsamkeit umgehen zu können, bedarf es Übung. Bis jetzt seien wir darauf fokussiert, Gemeinschaft zu organisieren, aber nicht Einsamkeit, betonte Diskussionsleiter und "Wiener Zeitung"-Chefredakteur Walter Hämmerle. Darunter leide auch häufig das Zusammenleben von Jung und Alt.

Langeweile zulassen

Sablatnig sieht ein generationenüberschneidendes Problem. So hätten junge Menschen häufig das Gefühl, "von der älteren Generation nicht ernst genommen zu werden". Mateus-Berr verwies wiederum darauf, dass es diese Konflikte immer schon gab. "Als junger Mensch denkt man, nicht ernst genommen zu werden. Als älterer Mensch denkt man, die eigene Erfahrung ist gar nicht gefragt." Und weiter: "Ich frage mich, warum wir Menschen so unfähig sind, evolutionsmäßig etwas dazuzulernen."

Für den sozialen Zusammenhalt sei ein Zusammenspiel von Jung und Alt allerdings von großem Wert. Es brauche mehr Sozialarbeit, "um alten Menschen ein würdevolles Leben zu geben", erklärte Eichinger. Diese können wiederum nur die Jungen leisten.

Dabei gehe es vor allem auch darum, die "vollste Aufmerksamkeit geben zu können", betonte Mateus-Berr. Im Rahmen eines Forschungsprojekts mit Demenzkranken zeigte sich, dass vor allem jene Menschen ein besonderes Gefühl für Präsenz haben, so die Künstlerin. "Sie spüren jede Sekunde, die man ihnen keine Aufmerksamkeit gibt. Da fällt einem auf, wie unfähig man ist, jemand anderem die zu geben."

Dies lasse sich durchaus üben - nämlich auch, indem man wieder Langeweile zulässt. Vor allem jungen Menschen müsste gezeigt werden, "dass sie etwas Gutes ist". In dem Zustand ist man einsam, man muss viel aushalten, aber diese Langeweile gebe auch sehr viel Muse. Das ist nicht nur künstlerisch von Wert, sondern auch im zwischenmenschlichen Tun.