"Wiener Zeitung": Frauen und Männer können unterschiedlich erkranken. Etwa kämpfen Männer häufiger mit einem schweren Verlauf von Covid-19. Warum ist das so?

Sabine Oertelt-Prigione: Wir werden mit einem rudimentären Immunsystem geboren, das ab dem Kleinkindalter Gruppen von Viren und Bakterien erkennt. Im Lauf des Lebens entwickeln wir ein adaptives Immunsystem, also spezifische Antikörper, die sich bilden, wenn wir mit Krankheitserregern in Kontakt kommen, und auf diese besonders reagieren. Die Medizin geht davon aus, dass die natürliche Immunität bei Frauen etwas aktiver ist als bei Männern. In der Bekämpfung des Coronavirus scheint sie bei Frauen etwas besser geregelt zu sein.

Sabine Oertelt-Prigione, geboren 1978 in Nürnberg, ist Ärztin und Professorin an der Radboud-Universität Nijmegen und an der Uni Bielefeld. Ihr Forschungsgebiet ist die geschlechtersensible Medizin, die sich um gerechte Medizin für alle dreht. Universität Bielefeld
Sabine Oertelt-Prigione, geboren 1978 in Nürnberg, ist Ärztin und Professorin an der Radboud-Universität Nijmegen und an der Uni Bielefeld. Ihr Forschungsgebiet ist die geschlechtersensible Medizin, die sich um gerechte Medizin für alle dreht. Universität Bielefeld

Heißt das, Männer sind schlechter gegen Covid-19 ausgerüstet?

Nicht ganz. Männer tragen zwar das höhere Risiko - mehr Männer rauchen und sie haben etwas höhere Inzidenzen bei kardiovaskulären Erkrankungen. Frauen erkranken jedoch gerade wegen ihres besser gerüsteten angeborenen Immunsystems häufiger an Long Covid, bei dem eine Autoimmunreaktion - also eine nicht adäquate Regulierung des Immunsystems - eine Rolle spielt. Der Körper eliminiert das Virus, erkennt aber die eigenen Zellen nicht mehr als eigen und attackiert sie. Symptome wie chronische Müdigkeit verbleiben selbst nach milder Erkrankung bei Frauen häufiger als bei Männern.

Welchen Einfluss nehmen die Geschlechtschromosomen XX und XY?

Das zweite X-Chromosom der Frau kann eine Reserve darstellen. Lange dachte man, eines der beiden weiblichen X-Chromosomen sei inaktiviert, da es ja nicht gebraucht werde. Dann zeigten Studien, dass 15 bis 20 Prozent der Gene aus dem zweiten X trotzdem zur Verfügung stehen: Erstens ist nicht in jeder Zelle dasselbe X-Chromosom inaktiviert, zweitens haben wir zwei X zur Auswahl. Wenn also ein Gen auf einem der beiden X beschädigt ist, gibt es immer noch das andere X, falls dieses Gen benötigt wird. Besonders bei Erkrankungen, wo dieses Gleichgewicht eine Rolle spielt, wie Hämophilie, Farbenblindheit oder Muskeldystrophien, haben Frauen einen Vorteil. Zudem bietet das X-Chromosom viele Gene an, die für die Immunantwort verantwortlich sind. Bei der Interferon-1-Antwort etwa gibt es ein besonderes Gen, das bei der Reaktion auf Covid-19 eine Rolle spielt. Männer, die ja nur eine Kopie dieses Gens haben, haben oftmals einen schlechteren Verlauf.

Welche Rolle spielen die Sexualhormone?

Östrogene und Testosterone können die Ausprägung von Erkrankungen beeinflussen. Etwa scheinen die Östrogene der Frau in der akuten Phase einer Covid-Infektion eine Rolle in der Feinabstimmung des Immunsystems zu spielen. Man geht davon aus, dass sie die Ausprägung des Rezeptors ACE-2, an den sich das Virus bindet, um in die Zellen zu gelangen, beeinflussen können. Bei Frauen vor der Menopause bieten Östrogene weiters einen gewissen Schutz vor Herzinfarkt, da sie die Zell-Erneuerung befördern und die Elastizität der Gefäße und Schleimhäute erhalten. Jedoch verschwinden Östrogene im Wechsel nicht von einem Tag auf den anderen, sondern der Prozess der Anpassung dauert im Durchschnitt zehn Jahre. Testosteron ist wiederum für die Knochenerhaltung sehr wichtig und baut Muskelmasse auf.

Gibt es spezifische Männer- und Frauenkrankheiten?

Es gibt Erkrankungen, die etwas häufiger bei Frauen und Männern sind. Etwa kommen Migräne und Osteoporose öfter bei Frauen vor. Gerade die Osteoporose ist aber so ein schöner Fall, bei dem wir kollektiv ein Bild der postmenopausalen Frau vor Augen haben und vergessen, dass 30 bis 40 Prozent der über 70-jährigen Männer ebenfalls an Osteoporose leiden. Wenn wir also eine Krankheit typischerweise mit dem Geschlecht assoziieren, werden wir einer Vielzahl ihrer Erscheinungsbilder nicht gerecht.

Führt das zu Fehldiagnosen?

Fehldiagnosen können auftreten. Die Medizin behandelt Frauen und Männer oft gleich, obwohl sie bei ein- und derselben Krankheit unterschiedliche Symptome haben können. Frauen mit Herzinfarkt etwa landen häufig später auf der Intensivstation als Männer. Der Schmerz in Brust und im Arm ist typischer für den Mann. Vor allem junge Frauen haben aber nicht in allen Fällen Brustschmerzen bei Herzinfarkt. Sie berichten von Oberbrauchdruck, extremem Unwohlsein, Übelkeit, Erbrechen, Druck im Rücken oder einem Gefühl der Angst.

Wenn wir weiters davon ausgehen, dass Frauen häufiger von Autoimmunerkrankungen betroffen sind, führt das häufig dazu, dass wir diese bei Männern zu spät erkennen. Auch die Diagnose von Depressivität ist auf zahlreiche "Frauen-typische" Symptome ausgerichtet, etwa Antriebslosigkeit, Müdigkeit oder Traurigkeit. Risikoreiches Verhalten, Alkohol- und Drogenmissbrauch, die bei Männern auf Depression hindeuten können, werden nicht sofort als Symptome erkannt.

Wie verhält sich das bei Krebs?

Sieht man vom Brustkrebs ab, der ja Organ-bezogen ist, erkranken Frauen weniger häufig an Krebs als Männer und dieselben Krebsarten nehmen andere Formen an. Darmkrebs ist bei Frauen häufig rechtsseitig, also näher am Dünndarm, während linksseitige, dem After näher liegende Tumore bei Männern öfter vorkommen. Wahrscheinlich lässt sich die unterschiedliche Verteilung sogar auf molekulare Unterschiede der Krebs-Struktur zurückführen, was die Prozesse, die dazu führen, verschieden macht. Dadurch sind auch in der Therapie andere Target-Moleküle gefragt.

Trotz dieser zahlreichen Unterschiede sind 50 Prozent der Menschheit von der Arzneimittelforschung kaum verstanden. Warum werden Medikamente immer noch zumeist an jungen, fitten Männern getestet?

Mittlerweile ist es nicht mehr so. Heute wird meistens versucht, die Verteilung einer Krankheit auf Frauen und Männer auch in klinischen Studien abzubilden. Was aber weiterhin fehlt, sind Analysen, ob die Wirksamkeit und die Nebenwirkungen einer Substanz sich zwischen Männern und Frauen unterscheiden. Es mag sein, dass Pharmafirmen hier tätig sind und diese Daten bei den regulatorischen Behörden auch ankommen. Aber der publizierten Literatur entnehmen wir, dass nur 20 Prozent der Studien, auch zu Covid-Impfstoffen, geschlechtergetrennte Nebenwirkungen ermittelt haben. Hier sind mehr Deutlichkeit und Klarheit nötig.

Wenn ich heute einen Beipackzettel für ein Medikament lese: Für wen ist der geschrieben?

Der Beipackzettel ist im Durchschnitt immer noch für einen 35-jährigen Mann geschrieben. Dabei stellt sich auch die Frage, wie viele Männer dem 35-jährigen, durchtrainierten, gesunden Typus, der 70 Kilo wiegt, entsprechen, vor allem wenn sie mehrere Medikamente nehmen. Einzuräumen ist, dass der Standard-Typus häufig in frühe Studienphasen eingebunden sind. Phase III zeichnet ein realistischeres Bild, obwohl auch hier versucht wird, Risiken so gering wie möglich zu halten. Wenn ein Proband in Phase III zusätzlich zum Test-Wirkstoff zehn Medikamente und ein anderer nur drei nimmt, würde man eher den mit drei nehmen, weil der Einfluss der anderen schwierig herauszurechnen ist.

Könnte man mit geschlechterspezifischen Medikamenten Leben retten?

Sicherlich könnte man mehr Leben retten. Je mehr Spezifität wir haben, desto besser können wir Therapien anpassen.