In Österreich ebbt die Omikron-Welle aufgrund der zuletzt hohen Infektionsraten und der steigenden Temperaturen allmählich ab. Mit ihr sinkt aber auch der Anteil der immunisierten Personen durch Genesung und Impfungen. Glaubt man den meisten Experten, ist eine neue Corona-Welle im Herbst programmiert.

In einer Zusammenfassung des Wissensstandes zur dominierenden Variante plädieren Siegfried Eisenberg und Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS) für eine Langzeitstrategie zur Immunisierung gegen Sars-CoV-2, um weitere Lockdowns und mehr Todesfälle zu verhindern.

Doch vorweg die Zahlen, die mit der Dominanz von Omikron deutlich angestiegen sind: Im Jänner gab es in Österreich 551.000 Infektionen, im Februar wurden 742.493 Ansteckungen laborbestätigt. Mit insgesamt 1.029.520 wurden die meisten Fälle im März gezählt, exakt zwei Jahre nach der ersten, damals verhältnismäßig niedrigen Welle in Österreich.

Dass Omikron die Infektionsraten derart in die Höhe trieb, lag daran, dass sie die Immunabwehr besser umgehen kann als die davor dominante Delta-Variante. Vereinfacht gesagt hätte es für Omikron mehr potenzielle Opfer gegeben als für Delta, "wo die Impfungen effektiver waren", schreiben Czypionka und Eisenberg in einem "Policy Brief" des IHS.

Rasch nach der Entdeckung von Omikron im November 2021 zeigte sich, dass der Impfschutz nach dem zweiten Stich nur zwischen 55 und 65 Prozent beträgt und sich noch dazu schnell verflüchtigt: Sechs Monate nach der zweiten Dosis liegt er laut den von den Autoren komprimierten Studienergebnissen bei nur zehn bis 25 Prozent. Wer die dritte Dosis erhalten hat, kann zwar mit einer höheren Schutzwirkung rechnen, jedoch nimmt auch sie im Zeitverlauf ab.

Dennoch sind Dreifach-Geimpfte bei einer Durchbruchsinfektion vor schwerer Erkrankung gut geschützt. Zudem seien sie weniger ansteckend als Ungeimpfte, wie die Universität Genf im Fachmagazin "Nature Medicine" berichtet. Zwar bezieht sich die Studie auf die erste Omikron-Subvariante BA.1 und nicht auf die hierzulande dominierende Subvariante BA.2. Dennoch "unterstreichen die Ergebnisse die positive Wirkung von Impfungen über den individuellen Schutz vor schweren Erkrankungen hinaus", so die Autoren Isabella Eckerle und Benjamin Meyer.

"Volle Impfung" erst ab 3

Laut einer Analyse der Agentur für Ernährungssicherheit infizieren sich mehr Menschen insbesondere mit Omikron ein zweites oder gar drittes Mal. Zwischen elf und 13 Prozent der Betroffenen steckten sich demnach seit Anfang des Jahres mehr als ein Mal mit dem Coronavirus an.

Bestätigt hat sich die Annahme, dass Omikron-Infektionen im Vergleich zu solchen mit anderen Corona-Varianten zu deutlich weniger Hospitalisierungen und Todesfällen führen. Laut IHS liegen kaum Studien zu Intensivbettenbelegungen oder Todesfällen von Personen vor, die zumindest zwei Impfungen erhalten haben, weil solche Fälle kaum auftraten. So erkläre sich auch, wie Länder wie Österreich mit sehr hohen Infektionszahlen durch die vergangenen Monate kommen konnten, ohne dass die Spitäler an die Belastungsgrenzen kamen.

Da drei erhaltene Impfdosen sich bisher als guter Schutz gegen neue Varianten erwiesen hätten und die aufgebaute Immunität über die Sommermonate abnehmen würde, sei "eine Langzeit-Impfstrategie" nötig, heißt es. Aufgrund der Befunde erscheint es für Eisenberg und Czypionka angebracht, in einer solchen Strategie erst nach Erhalt der dritten Impfdosis von "voller Impfung" zu sprechen. Eine zukunftsgerichtete Impfstrategie sei so auszurichten, dass zu Beginn einer neuen Corona-Welle insbesondere die Zahl der ungeimpften Personen, die zu den Risikogruppen zählen, möglichst niedrig gehalten sei.

Für das Gesundheitssystem bleiben laut IHS Immunisierungslücken bei Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen und älteren Personen auch unter Omikron-Bedingungen ein Problem. Die Wahrscheinlichkeit von Infektionen in Risikogruppen erhöht sich nämlich, wenn in der jüngeren Bevölkerung das Virus grassiert. Nicht gesagt sei überdies, dass neue Viren-Untertypen nicht gefährlicher als Omikron sein können. Daher sollten die Länder im Auge behalten, wie hoch die Immunitätsraten auch über die kommenden Monate hinweg sind. Die international deutlich reduzierten Maßnahmen zur Eindämmung, wie Maskentragen oder die 3- und 2G-Regeln, machen dies notwendig.(est/apa)