Die Haut ist trocken, gerötet und juckt. Die Symptome äußern sich mal stärker, mal sind sie schwächer. - Die Neurodermitis, auch Atopische Dermatitis genannt, tritt in Schüben auf und ist die häufigste chronisch-entzündliche Hauterkrankung. Die Zahl der Betroffenen ist in den letzten Jahrzehnten in Industrieländern um das Zwei- bis Dreifache gestiegen. Zwar ist die Erkrankung noch nicht heilbar, jedoch gut behandelbar, erklärt der Dermatologe Paul Sator von der Klinik Hietzing im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Er räumt zudem Mythen aus dem Weg, die nach wie vor Betroffene verunsichern und eine wirksame Behandlung verzögern.

Ursachen für das Auftreten der Atopischen Dermatitis sind vor allem eine überschießende Reaktion des Immunsystems, eine gestörte Schutzfunktion der Haut, eine gestörte Bakterienflora sowie eine genetische Disposition. Im Immunsystem von Gesunden liegt ein Gleichgewicht zwischen den beiden Untergruppen 1 und 2 der T-Helferzellen vor. Bei Neurodermitis-Patienten überwiegen die TH-2-Zellen. Sie produzieren entzündungsfördernde Botenstoffe, die zur Ausschüttung von Antikörpern und Histamin anregen, das wiederum allergische Reaktionen hervorruft. TH-1-Zellen dagegen bilden eher Botenstoffe, die allergische Reaktionen in Schach halten.

Ursache in den Genen

Übertriebene Sauberkeit, Hygiene und Reinlichkeit sind förderlich für die Entwicklung der Erkrankung, erklärt der Mediziner. "Wächst man als Kind steril auf und hat dadurch weniger Infektionen, dann ist die Zahl der TH-1-Zellen sehr niedrig und sie können TH-2 nicht unter Kontrolle halten." Besteht dann noch eine genetische Bereitschaft, kann die Neurodermitis zum Vorschein kommen.

Inwieweit sich die Corona-Pandemie mit all ihren Schutzmaßnahmen letzten Endes auf die Zahl der Erkrankten auswirken wird, ist noch nicht abzusehen. Doch, "Covid-19 wird das sicher fördern", betont Sator.

Der Begriff Neurodermitis ist entstanden, weil man früher davon ausging, dass ihr alleinig eine Entzündung der Nerven zugrunde liegt - Neuron für Nerv, Derma für Haut und -itis für Entzündung. Diese Annahme ist jedoch überholt. Im medizinischen Bereich spricht man heute deshalb von Atopischer Dermatitis. Die tatsächlichen Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt, doch scheinen sie vor allem in den Genen ihren Ursprung zu haben. Bestimmte Triggerfaktoren wie eben Umwelteinflüsse können dann zum Ausbruch führen. Dass sich die Erkrankung auswächst, kommt am ehesten bei Säuglingen oder Kleinkindern vor. Der bekannte Milchschorf, eine Form von Neurodermitis, der auf der Kopfhaut Neugeborener entsteht, verliert sich zumeist mit der Zeit. Doch die Neigung bleibt, erklärt Sator. Erkrankt man in späteren Jahren, dann ist das Risiko für lebenslange Beschwerden wesentlich höher.

Systemische Erkrankung

Grundsätzlich ist die Atopische Dermatitis eine systemische Erkrankung. Das heißt, sie betrifft das gesamte Organsystem des Menschen und ist, obwohl die Symptome in erster Linie auf der Haut zu sehen sind, nicht nur auf diese beschränkt. Auch Begleiterkrankungen sind häufig zu beobachten. So leiden rund 43 Prozent der erwachsenen Patienten mit schwerer Form unter neurologischen Erkrankungen, Angstzuständen oder Depressionen. Zudem werden auch Allergien mit Neurodermitis assoziiert.

Allerdings verursachen Allergien die Erkrankung nicht, sondern umgekehrt, betont der Experte. Erkrankte haben ein erhöhtes Risiko für Allergien. Denn Neurodermitis kann sich nicht nur über die Haut, sondern auch über die Atemwege äußern - etwa durch Heuschnupfen oder auch Asthma.

Heilbar ist die Erkrankung bis heute nicht, doch gibt es je nach Ausprägung verschiedenste Therapiemöglichkeiten. Um die gestörte Hautbarriere und das Mikrobiom der Haut zu optimieren, werden feuchtigkeitsspendende und rückfettende Hautcremen eingesetzt. In leichten Fällen kommen zudem lokale Therapien wie Cortison oder immunmodulierend wirkende Cremen zum Einsatz. Auch UV-Licht wirkt sich positiv aus, deshalb kommt es im Sommer auch häufig zu einer Milderung der Symptome.

Neue Therapiemethoden

In schweren Fällen setzt der Facharzt individuell immunsuppressive Medikamente ein. Mit modernen Therapiemöglichkeiten werden immunmodulierende Botenstoffe auf die Haut angesetzt. Diese kommen in Form von Interleukin-Blockern, sogenannten Biologika, injiziert oder als Janus-Kinase-Inhibitoren in Tablettenform zur Anwendung. Die Substanzen sind unter anderem entzündungshemmend und immunmodulierend. Die neuen Behandlungsmethoden sind auf jeden Fall ein Lichtblick, betont Paul Sator.