Die Symptome reichen von leichtem bis hohem Fieber und leichtem bis heftigem Kopfweh über an Feuchtblattern erinnernde Pusteln bis zu Nacken- und Rückenschmerzen, Lymphknoten-Schwellungen und Husten: In Europa werden immer mehr Fälle von Affenpocken-Infektionen registriert. Die normalerweise auf afrikanische Länder beschränkte Erkrankung wurde bisher in Großbritannien, Portugal, Spanien, Italien, Deutschland und Österreich, den USA, Kanada, Australien und Lateinamerika festgestellt. Die Weltgesundheitsorganisation hatte per Samstag 92 bestätigte und 28 Verdachtsfälle gemeldet. Aus Österreich war bis Montagnachmittag ein Fall bekannt, in Rom befanden sich 15 Patienten wegen des Verdachts einer Affenpocken-Infektion in Quarantäne.

"R-Wert kleiner als eins"

Wie gefährlich und wie ansteckend sind die Affenpocken? Tödliche Verläufe, wie bei den Pocken, die dank flächendeckender Impfkampagnen seit den 1980er Jahren als ausgerottet gelten, sind laut Experten selten. Die Erkrankung ist zumeist nach etwa drei Wochen abgeheilt. Die Infektion ist weitaus weniger ansteckend als Feuchtblattern oder das Coronavirus Sars-CoV-2. Übertragungen von Mensch zu Mensch sind selten, aber bei engem Kontakt möglich - etwa durch Kontakt mit Körperflüssigkeiten oder dem Ausschlag der Affenpocken-Infizierten. Eine Übertragung ist auch durch Atemsekrete bei engem Kontakt möglich. Die Inkubationszeit für Affenpocken beträgt zwischen sieben und 21 Tagen.

"Da es bisher nur wenige Fälle von Affenpocken beim Menschen gab, kann man nicht sagen, wie hoch der R-Wert ist, aber er ist mit höchster Wahrscheinlichkeit kleiner oder sogar deutlich kleiner als eins", sagt der Virologe Norbert Nowotny von der Veterinärmedizinischen Universität Wien zur "Wiener Zeitung": "Das bedeutet, dass sich aus den Affenpocken keine neue Epidemie oder gar Pandemie entwickelt."

Die Krankheit sei also "nicht allzu gefährlich, aber man sollte sie auch nicht verharmlosen. So viele Einzelfälle beim Menschen innerhalb kurzer Zeit gab es weltweit noch nie", betont Nowotny. Deutschlands Gesundheitsminister Karl Lauterbach forderte am Montag ein entschlossenes Vorgehen gegen die Verbreitung. "Der weltweite Ausbruch ist so ungewöhnlich, dass wir uns Sorgen machen müssen, ob er so abläuft wie frühere Affenpocken-Ausbrüche", sagte Lauterbach in Genf. Man müsse schnell und hart reagieren, um einen globalen Ausbruch wieder einzudämmen.

Nowotny bestätigt: "Alles Wissen, das wir derzeit über die Krankheit haben, beruht auf früheren Ausbrüchen." Allerdings bestehe keine Gefahr laufender Mutationen wie bei Sars-CoV-2. "Dafür gibt es keine Anhaltspunkte zum jetzigen Zeitpunkt, weil die Pockenviren kein RNA- sondern ein DNA-Genom besitzen. DNA-Viren mutieren deutlich langsamer", erklärt der Virologe Andreas Bergthaler von der Medizinischen Universität Wien.

Wenig mutationsfreudig

Affenpocken wurden in aktuellen Fällen bisher unter anderem in Portugal und den USA sequenziert. "Deren Sequenzen sind sehr ähnlich und haben sich kaum verändert, verglichen zu Sequenzen von Fällen aus Europa, Afrika und Asien aus 2018", so Bergthaler: "Schnelle Veränderungen, wie wir sie im Laufe der letzten zwei Jahre bei Sars-CoV-2 erlebt haben, sind unwahrscheinlich."

Zur Erklärung: RNA-Viren haben schlechtere "Kopiermaschinen", machen also beim Abschreiben ihres Genoms mehr Fehler als DNA-Viren, wodurch sich grundsätzlich weniger Mutationen ergeben. Zudem ist das Pockenvirus einer der größten bekannten viralen Erreger, "es kann also nicht so viel mit seinem Erbgut herumspielen", fügt Nowotny hinzu. "Wir sehen extrem wenige Mutationen bei Affenpocken im Jahr, während Corona alle 14 Tage eine Mutation hervorbringt." Während das Genom von Pockenviren aus über 200.000 Nukleotiden besteht, hat Sars-CoV-2 als eines der größten RNA-Viren nur 30.000 Nukleotide.

Über die Gründe für das geballtere Auftreten rätselt die Fachwelt. Affenpocken kursieren unter Nagetieren in West- und Zentralafrika, immer wieder infizieren sich allerdings auch Menschen aus nicht-endemischen Gebieten. "Dabei handelte es sich zumeist um relativ begrenzte Ereignisse im Zusammenhang mit Reisetätigkeit oder Tier-Importen", so Bergthaler.

Zu den vermuteten Gründen für den jetzigen Ausbruch zählt die derzeit steigende Anzahl an Massenevents und damit einhergehender enger Kontakt. Nowotny stellt noch eine zweite Kausalkette in den Raum: Ähnlich wie etwa 2021 in manchen Regionen der Toskana aufgrund eines Corona-bedingten Jagdverbots die Wildschweinpopulation stark anstieg, weswegen viele Tiere aufgrund von Hitze halb verdurstet die saftigen Weintrauben fraßen, was die Menge in diesem Weinjahrgang dezimierte, könnten sich aufgrund von verschiedenen Faktoren die Nagetiere, die die Affenpocken übertragen, in ihrem Lebensraum besonders stark vermehrt haben. Mehr Menschen könnten sich somit infiziert und das Virus unabhängig von einander in mehrere Weltgegenden gebracht haben.

Vakzin auf Kuhpocken-Basis

Derzeit wird in Großbritannien die präventive Gabe einer Impfung an Kontaktpersonen diskutiert. Laut WHO gilt eine Impfempfehlung nur für bestimmte Risikogruppen, wie Laborpersonal und Ersthelfer. Dabei handelt es sich um zugelassene Pocken-Impfstoffe, basierend auf einem abgeschwächten Kuhpockenvirus. "Ich sehe derzeit jedoch keinen Grund, dass diese Vorgehensweise für die breite Bevölkerungen sinnvoll ist", sagt Bergthaler. Zur Erklärung: Der Pockenimpfstoff des 20. Jahrhunderts basierte auf Kuhpocken (Vaccinia). "Diese Impfungen wurden in den frühen Achtzigerjahren beendet und Pocken für ausgerottet erklärt. Der aktuell verfügbare Impfstoff ist sehr ähnlich und basiert auch auf Vaccinia, ist aber besser genetisch definiert", so Bergthaler.

Österreich will bis Dienstag Fachdokumente für das Kontaktpersonenmanagement den Gesundheitsbehörden in den Ländern zur Verfügung stellen und die Meldepflicht für Affenpocken umsetzen. "Nachdem wir nicht davon ausgehen, dass eine große Menge an Affenpocken erkranken, sollte in diesen Einzelfällen Contact Tracing funktionieren. Der Spuk sollte in wenigen Monaten eigentlich vorüber sein", sagt Nowotny.