Kein neuer Baby-Boom, aber immerhin ein kleines Plus bei der Zahl der Geburten, und zugleich eine kürzere Lebenserwartung hat die Pandemie der europäischen Bevölkerung gebracht. Das berichtet ein Team unter Federführung des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im neuen European Demographic Datasheet, der alle zwei Jahre erstellt wird. Er versammelt Daten zur Bevölkerungsentwicklung in Europa und beleuchtet Schlüsselfaktoren wie Geburtenraten, Sterbezahlen oder Migrationsbewegungen.

Der am Dienstag veröffentlichte Bericht erlaubt einen detaillierten Blick auf die demografischen Auswirkungen der Pandemie in 45 europäischen Ländern. Demnach hat die Coronakrise Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen den Ländern Europas weiter vergrößert, aber auch ein leichtes Geburten-Plus zur Folge.

Vor allem in ost- und südosteuropäischen Ländern hat die Pandemie die Lebensspanne spürbar verkürzt. In Bulgarien sank sie zwischen 2019 und 2021 bei Männern um 3,4 Jahre und bei Frauen um 3,6 Jahre. Bei russischen Frauen verkürzte sie sich noch weiter, nämlich um 3,7 Jahre.

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Diese Unterschiede habe es bereits vor der Pandemie gegeben, Corona habe sie aber merklich ausgeweitet, erklärte ÖAW-Demograph Tomáš Sobotka bei einem Hintergrundgespräch am Dienstag: "Das liegt unter anderem an der Qualität der Gesundheitssysteme, am Pandemiemanagement und den Durchimpfungsraten." Schlusslichter sind das Kosovo, wo die Todesraten 2020 und 2021 um 36 Prozent höher waren als 2019, Albanien mit plus 34 , Russland und Bulgarien mit je plus 34 Prozent. "Es ist eine Krisensituation", so der Demograf.

Anders stellte sich die Lage in den nordischen Ländern Finnland, Dänemark, Island und Norwegen dar, wo die Todesraten um zwei Prozentpunkte angestiegen seien, sich die Lebenserwartung also kaum verschlechterte. "Ein norwegischer Mann lebte 2020/21 fast genau so lange wie 2019", sagte Sobotka. Ein ähnliches Bild biete Deutschland. In Italien und Schweden wiederum sei die Lebenserwartung in der ersten Pandemiephase 2020 um mehrere Monate gesunken, zeigte jedoch 2021 wieder nach oben.

In Österreich starben laut der Auswertung im Vergleich zu 2019 um zwölf (2020) und zehn Prozent (2021) mehr Menschen - ein deutlich niedrigeres Plus als in vielen Staaten Ost- und Südosteuropas. Verglichen habe man in allen Ländern die Übersterblichkeit, zumal Daten ob mit oder an Corona gestorben nicht auf vergleichbare Weise ausgewertet seien. Ein leichtes Plus brachte die Pandemie bei den Geburten. Schon zu Beginn des ersten Lockdowns im Frühling 2020 wurde über einen "Corona-Babyboom" spekuliert. Dieser ist nicht wahr geworden. Insgesamt habe man "keinen großen Effekt"europaweit bei den Geburten feststellen können, zumindest nicht am Beginn der Pandemie, erklärten die Studienautoren Sobotka und Zuzanna Brzozowska. "Besonders im ersten Lockdown herrschte große Unsicherheit. Niemand wusste, wie die Pandemie uns betreffen würde", sagte er. So zeigte sich ab dem Ende des ersten Pandemie-Jahres, neun Monate zeitversetzt zu den ersten Lockdowns in den meisten Staaten, nahezu überall ein Geburtenrückgang.

In Österreich verzeichnete man im Dezember 2020 ein Minus von fünf Prozent gegenüber der Geburtenzahl des gleichen Monats 2019. Im EU-Schnitt lag das Minus Ende 2020 bei acht Prozent. Am stärksten schlug der erste Lockdown in Spanien durch, mit 21 Prozent weniger Geburten im Jahresvergleich Ende 2020. Das Minus drehte sich jedoch im Frühjahr 2021 in ein leichtes Geburten-Plus.

Familienzuwachs

Schon im Februar 2021 verzeichnete Österreich etwas höhere Geburtenraten im Vergleich zum Februar 2020. Hier dürften erste Signale vonseiten der Politik, wonach die Pandemie "vorbei" sei, im ersten Corona-Sommer ebenso wie die Erkenntnis, dass der Arbeitsmarkt sich nicht in Auflösung befinde, sich ausgewirkt haben, erklärten Brzozowska und Sobotka. In der Folge gab es hierzulande auch einen relativ starken Geburtenanstieg im Herbst 2021. In den Winter-Lockdowns davor scheinen dann einige Paare Pläne zur Familienvergrößerung umgesetzt zu haben. So sah man Ende 2021 in Österreich viele Zweit-und Drittgeburten.

Anders war die Entwicklung im Norden Europas: Hier sehe man kaum einen Einbruch der Geburtenraten in der ersten Pandemie-Phase und danach ein vielfach markantes und beständiges Plus. Hier könnte die Pandemie in weiten Teilen der Gesellschaft "vielleicht weniger Stress gebracht haben" als in unseren Breiten, meinte Sobotka, der allerdings auch anmerkte, dass in den zehn Jahren davor die Geburtenraten im Norden trotz familienorientierter Sozialsysteme eingebrochen waren.(est)