Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) will den Affenpocken einen neuen Namen geben. Es gebe seit langem Bestrebungen, Krankheiten nicht mehr nach Tieren oder Regionen zu benennen, um jeglicher Möglichkeit von Diskriminierung oder Stigmatisierung vorzubeugen, sagte ein WHO-Sprecher am Dienstagabend. Zuvor hatte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus in Genf angekündigt, dass es in Kürze eine Entscheidung geben soll.

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Affenpocken-Viren, koloriert. 
- © apa / Andrea Männel

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Affenpocken-Viren, koloriert.

- © apa / Andrea Männel

Der Begriff Affenpocken etwa könne auf eine Herkunft aus Afrika hindeuten, so der Sprecher. Bis Mai waren das Virus und die Krankheit fast ausschließlich aus Afrika bekannt und der Name war ohnehin schon irreführend: Das Virus wurde 1958 in Dänemark zwar erstmals bei Affen in einer Versuchsanstalt nachgewiesen. Allerdings dürfte es nach heutigen Erkenntnissen eher unter kleinen Nagetieren verbreitet sein. Affen gelten als Fehlwirt.

In einem Fehlwirt kann sich der Parasit zwar nicht weiter entwickeln, Schäden für den Wirten können aber trotzdem die Folge sein. Ebenso kann es durch Kontakt mit diesen Tieren gelegentlich zur Übertragung des Virus auf Menschen kommen - die sogenannte Zoonose.

Beim Auftauchen des Coronavirus Ende 2019 hat die WHO ebenfalls schnell gehandelt, um eine Verbreitung von Namen wie "Wuhan-Virus", benannt nach der chinesischen Stadt, in der es erstmals nachgewiesen wurde, zu verhindern. Am 11. Februar 2020 verkündete die WHO, dass das neuartige Virus Sars-CoV-2 heißt und die Krankheit, die es auslöst, Covid-19.

"Etwas, das wir nicht kannten"

Die WHO geht außerdem Berichten über Funde von Affenpockenviren im Sperma von Patienten nach. Sie will prüfen, ob die Krankheit auch sexuell übertragen werden kann, wie eine WHO-Vertreterin am Mittwoch erklärte. Gleichzeitig bekräftigte die WHO, dass das Virus hauptsächlich durch engen zwischenmenschlichen Kontakt übertragen wird.

Es sei unklar, ob durch die jüngsten Berichte der Schluss gezogen werden könne, dass das Affenpockenvirus auch sexuell übertragbar ist, erklärte Catherine Smallwood, Leiterin der Abteilung Affenpocken beim WHO-Regionalbüro für Europa. "Das könnte etwas sein, das wir bei dieser Krankheit bisher nicht kannten", sagte sie. Man müsse sich aber auf den häufigsten Übertragungsweg konzentrieren. "Und wir sehen eindeutig, dass dieser mit Haut-zu-Haut-Kontakt zusammenhängt."

In den vergangenen Tagen haben Wissenschafter Virus-DNA im Sperma einiger Affenpocken-Patienten in Italien und Deutschland nachgewiesen. Darunter ist eine im Labor getestete Probe, die darauf hindeutet, dass das im Sperma eines einzelnen Patienten gefundene Virus in der Lage ist, eine andere Person zu infizieren und sich zu vermehren.

Seit Anfang Mai 1.300 Fälle

Seit Anfang Mai wurden aus rund 30 Ländern, vor allem in Europa, mehr als 1.300 Affenpocken-Fälle gemeldet. Die meisten davon bei Männern, die Sex mit Männern haben. Die Viruserkrankung tritt hauptsächlich in West- und Zentralafrika auf und nur sehr selten andernorts, was die gegenwärtigen Ausbrüche ungewöhnlich macht. Wissenschafter versuchen herauszufinden, was der Grund für den aktuellen Ausbruch ist, woher er kommt und ob sich etwas an dem Virus geändert hat.

Der Nachweis viraler DNA bedeutet nicht zwangsläufig, dass es sich bei Affenpocken um eine sexuell übertragbare Krankheit wie HIV/AIDS oder Syphilis handelt. Virale DNA von verschiedenen Viren, darunter auch das Zika-Virus, wurde bereits in Sperma gefunden. Aber es ist unklar, ob das Vorhandensein von genetischem Material das Risiko einer sexuellen Übertragung erhöht. Ob Affenpocken durch Sperma oder Vaginalsekret verbreitet werden können, ist nach Einschätzung des deutschen Robert-Koch-Instituts noch nicht abschließend geklärt, scheint aber möglich.

Gemeinsame Anstrengungen

Wegen des Affenpocken-Ausbruchs hat das Regionalbüro Europa der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dringend gemeinsame Anstrengungen und eine gerechte Impfstoffverteilung angemahnt. Europa bleibe das Epizentrum des sich vergrößernden Ausbruchs, sagte Hans Henri Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa, am Mittwoch.

"Das Ausmaß dieses Ausbruchs stellt ein echtes Risiko dar; je länger das Virus zirkuliert, desto größer wird seine Reichweite und desto stärker wird die Krankheit in nicht-endemischen Ländern Fuß fassen." Damit meinte er Länder, in denen das Virus bis Mai dieses Jahres nicht oder nur selten aufgetreten war.

Steve Taylor, Direktor der European Pride Organisers Association, unterstrich in der gemeinsamen Pressekonferenz mit Kluge und mit Blick auf rund 750 geplante Pride-Events die Zusammenarbeit mit der WHO. Man wolle mit Fakten darauf hinwirken, dass die Menschen sich, ihre Liebsten und ihre Community schützen könnten. (dpa)