Schmerz kann dumpf, stechend, hämmernd, beißend oder bohrend sein. Er kann allerdings auch als quälerisch, mörderisch oder unerträglich empfunden werden. Er lässt sich also als Sinneseindruck und emotional bewerten. Auf jeden Fall ist Schmerz ein wichtiges Signal. Durch ihn erfahren wir, dass etwas in unserem Körper nicht stimmt. Schmerz muss man ernst nehmen - sowohl den akuten als auch den chronischen, warnt der Orthopäde und Leiter des Schmerzkompetenzzentrums in Bad Vöslau, Martin Pinsger, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Für gewöhnlich ist Schmerz eine Folge einer Krankheit oder Verletzung. Er zeigt uns, dass Entzündungen, Wunden oder auch Reizungen entstanden oder im Entstehen sind. Dabei reagieren freie Nervenenden auf unterschiedlichste Reize und Botenstoffe werden ausgeschüttet. Der Nerv leitet den Reiz über das Rückenmark bis ins Gehirn weiter, wo er schließlich im Limbischen System, der Gefühlszentrale des Menschen, bewertet wird.

Die ICD-11 der WHO

Die Beurteilung hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Hormone spielen dabei ebenso eine Rolle, wie die Tatsache, wie man Schmerz als Kind erfahren hat - beziehungsweise die Eltern damit umgegangen sind. Dabei wird zwischen akuten und chronischen Beschwerden unterschieden.

Akuter Schmerz ist einem Feueralarm gleichzusetzen, der einsetzt, wenn ein unmittelbarer Schaden vorliegt. Er dauert meist nur so lange, bis wir wieder aus der Gefahrenzone sind. Eine Schürfwunde am Knie verheilt binnen kürzester Zeit. Nach einer Operation kann der Schmerz auch länger andauern - geht aber auch vorbei.

Dauert der Zustand allerdings mehr als drei Monate an, spricht man von chronischem Schmerz, der sich bereits im sogenannten Schmerzgedächtnis festgesetzt hat. Hierzulande leben laut Österreichischer Schmerzgesellschaft fast zwei Millionen Menschen an solchen die Lebensqualität massiv einschränkenden Zuständen. Bei 350.000 Menschen haben sich, so die Bewertung, die Schmerzen zu einer eigenständigen Erkrankung mit massiver Chronifizierung entwickelt, heißt es auf der Homepage der ÖSG.

Hier hakt Pinsger ein, denn nach wie vor sei der chronische Schmerz in Österreich nicht als Krankheit anerkannt. Zwar hat die WHO in der ICD-11 das Leiden klar als Krankheit definiert, doch sei diese international statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems), die mit 1. Jänner 2022 in ihrer 11. Version erschienen ist, hierzulande noch nicht implementiert. Deshalb werde Schmerz nach wie vor als Symptom und nicht als Krankheit gewertet, so der Experte.

Katastrophe Polypharmazie

Das habe Folgen für die Patienten und für ihre gesundheitliche Versorgung. Häufig wird chronischer Schmerz auch heutzutage noch "skeptisch beäugt" und als Hypochondertum abgetan. Damit steht er auch nicht im Fokus der Öffentlichkeit. "Schmerzpatienten sind häufig depressiv, haben Ängste und ziehen sich zurück. Darum erscheint der chronische Schmerzpatient nicht auf der Bildfläche und wird auch von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen", so Pinsger.

Tatsächlich ist der Schmerz etwas sehr Komplexes und schwer, aber nicht erfolglos zu behandeln. Die Therapie erfolgt auf unterschiedlichen Ebenen, beschreibt der Facharzt. Einerseits müssen die Medikamente gefunden werden, die beim jeweiligen Patienten auch wirken. "Oft schlucken die Betroffenen jahrelang Schmerzmittel und bleiben dennoch therapieresistent."

Einen Weg ebnet hier die Pharmakogenetik. Knackpunkt ist der Ab- und Umbau von Wirkstoffen in der Leber. Der Körper versucht, ihm zugeführte körperfremde Substanzen abzubauen. Dabei spielen Leberenzyme eine große Rolle. Eine einzige Mutation kann ein gesamtes Gen in seiner Funktionalität auslöschen. Missglückt nämlich der Abbau in unserem Entgiftungsorgan, kann es zu Überdosierungen und damit zu unerwünschten Nebenwirkungen kommen. Leberenzyme sorgen allerdings auch für die Aktivierung von Medikamenten. Findet diese erst gar nicht statt, bleibt die erwünschte Wirkung gänzlich aus, erklärte der Pharmakologe und Leiter von Pharmgenetix Markus Paulmichl schon in einem länger zurückliegenden Interview mit der "Wiener Zeitung". Spezialanalysen zur Bestimmung der Medikamentenverträglichkeit können der Weg zur erfolgreichen Therapie sein.

"Ich sehe Patienten, die zwölf Medikamente einnehmen oder gar 27. Doch Polypharmazie ist eine Riesenkatastrophe. Jeder weiß, dass schon sechs oder sieben Arzneien ein Problem sind", betont Pinsger.

Achtsamkeit als Prävention

Er setzt auch auf Alternativen zu herkömmlichen Präparaten und bricht eine Lanze für die Verwendung von Cannabinoiden. 2017 in Kanada eingeführt, habe sich der Verbrauch von Psychopharmaka um 30 Prozent reduziert. THC werde teilweise sogar von der Krankenkasse rückvergütet, doch das nicht psychoaktive CBD falle nach wie vor durch den Rost der Akzeptanz. Auch, weil es wissenschaftlich wenig erforscht ist. Über CBD gebe es derzeit rund 200 Studien, im Vergleich dazu existieren bei Biologika 7,2 Millionen, merkt Pinsger an.

Dabei ist die Zahl der Schmerzpatienten gerade in den letzten zwei Covid-Jahren regelrecht explodiert. Ängste, mangelnde Bewegung, Stress, Isolation und Überernährung - alles Faktoren, die den Weg zu chronischen Schmerzzuständen ebnen können. Daher gelte es, nicht einfach zuzuwarten, sondern aktiv Prävention zu betreiben. "Ich muss auf meinen Körper achten." Achtsamkeitstraining schon ab der Kindheit wäre Profit für das spätere Leben. "Wer sich selber nichts gönnt, wird in seinem ständigen Funktionieren untergehen und zerbrechen", warnt der Mediziner.