BA.2.75 heißt eine neue Sublinie der Corona-Variante Omikron, die den Immunschutz noch ein Stück effizienter umgehen soll. Angesichts dieser raschen Evolution - allein seit dem erstmaligen Auftauchen von Omikron im November des Vorjahres haben sich fünf Subtypen durchgesetzt - stellt sich die Frage, welche Impfstrategie den besten Schutz bietet.

Während die bestehenden Corona-Impfstoffe weiterhin einen guten Schutz vor Krankenhausaufenthalten und Todesfällen bieten, hat ihre Wirksamkeit gegen Ansteckung abgenommen. Ist es zielführend, die Immunität schon jetzt, im Sommer, mit der Ursprungsversion des Vakzins aufzufrischen? Oder lohnt es, auf angepasste Impfungen zu warten? Und wirken diese dann auch gegen BA.2.75?

Eines vorweg: Wie die brandneue Variante sich zum Impfstoff verhält, ist noch nicht bekannt. Hier heißt es: abwarten. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA strebt aber die Zulassung von aktualisierten Covid-19-Impfstoffen bis September an, die gegen derzeitige Versionen von Omikron einen besseren Schutz bieten sollen, sagte der Leiter der Impfstoffstrategie, Marco Cavaleri. Die EMA sei offen für verschiedene Covid-Impfstoffe der nächsten Generation und auch bereit, solche in Betracht zu ziehen, die an die vorherrschenden Omikron-Versionen BA.4 und BA.5 angepasst sind.

Empfehlung für Ältere

Impfstoffe gegen Omikron BA.4 und BA.5 sind erst vor kurzem in die klinische Entwicklung eingetreten. Sie könnten daher erst im Spätherbst verfügbar werden, sagte Cavaleri: "Vorerst denken wir noch, dass es sehr gut ist, alle Optionen offen zu halten und keinen dieser Kandidaten von einer möglichen Zulassung auszuschließen." Denn es sei unmöglich, vorherzusagen, welche Variante im Herbst dominieren werde.

Konkret haben Biontech/Pfizer und der US-Biotechkonzern Moderna angepasste Impfstoffe an Omikron BA.1 entwickelt und stehen mit diesen in den Startlöchern. Ersten Daten zufolge hätte dieses Vakzin auch gegen BA.4 und BA.5 gut abgeschnitten, allerdings in deutlich geringerem Maße als gegen BA.1, weswegen auch bivalente Impfungen, die gegen BA.4 und BA.5 wirken, entwickelt werden. Bleiben jedoch bis Herbstende zu viele Menschen ohne Booster, kann sich das Virus ungebremst ausbreiten.

Schon diese Woche hat die heimische Corona-Ampel Ostösterreich, wo die Zahl der Neuinfektionen am höchsten ist, auf hohes Risiko, also Orange, gesetzt. Und das deutsche Robert Koch-Institut betont in seinem Wochenbericht, dass derzeitige Corona-Impfungen auf Basis des Original-Virus Sars-CoV-2, das Ende 2019 im chinesischen Wuhan erstmals auftauchte, nach wie vor einen hohen Nutzen habe. Sie hätten "aufgrund ihrer hohen Schutzwirkung vor einem schweren Verlauf auch bei Erkrankungen durch die Omikron-Variante nicht an Bedeutung verloren". Millionen Menschen müssten den Covid-19-Impfschutz auffrischen. Ausdrücklich empfiehlt das Nationale Impfgremium (NIG) in Österreich eine vierte Impfung Älteren, chronisch Kranken und Angehörigen von vulnerablen Gruppen. Besonders für sie sei es wegen ihres ohnehin geschwächten Immunsystems wichtig, eine Infektion zu vermeiden oder gegen einen schweren Verlauf bestmöglich geschützt zu sein. Booster Nummer vier ist hierzulande für alle ab zwölf Jahren vier Monate nach der Drittimpfung möglich, das NIG rät zu einem Abstand von sechs Monaten.

Aufbau von breitem Schutz

"Ich empfehle absolut die Impfung", sagt die Wiener Impfexpertin Ursula Wiedermann-Schmidt zur "Wiener Zeitung". Vor allem Personen, die noch keine zweite oder dritte Dosis haben, "und das sind nicht wenige", sollten sich dafür anmelden. Laut einer grafischen Zusammenstellung von science.orf.at sind in Österreich 76,99 Prozent der Menschen ein Mal, 74,15 Prozent zwei Mal, 56,03 Prozent drei Mal und 1,78 Prozent vier Mal gegen Covid-19 geimpft.

Derzeitige Vakzine wirken laut der Professorin für Vakzinologie der Medizinuni Wien vor allem gegen schwere Verläufe und Long Covid: Bei Personen über 65 Jahre wurde hierbei eine Wirkungsdauer von vier bis sechs Monaten gezeigt. Gegen Ansteckung und symptomatische Infektionen schaffen die Impfungen aber nur kurzfristig, etwa für die Dauer von einem bis drei Monaten, eine Barriere. "Diese Beobachtung auf Basis epidemiologischer Daten ist einerseits der Tatsache geschuldet, dass Omikron den Immunschutz immer besser umgeht, und andererseits der Natur des Impfstoffs und der respiratorischen Erkrankungen", sagt sie: "Die Schleimhautimmunität lässt sich mit in den Oberarm verabreichten Impfungen nur schwer beeinflussen." Weil Corona-Varianten dahingehend evolvieren, sich immer besser an die Rezeptoren in den Schleimhäuten zu binden, sei die einzig effektive Lösung gegen eine Infektion ein Nasal-Vakzin. Hierzu würden klinische Studien laufen.

"Fünfter Stich im Herbst"

Varianten-Impfstoffe, die nur gegen Omikron gerichtet sind, überzeugen Wiedermann-Schmidt nicht: "Wenn man nur auf neue Varianten setzt und die Vakzine das Original-Virus nicht enthalten, könnte es sein, dass sie zu wenig breitenwirksam werden und wir mit neuen Anpassungen immer zu spät dran sind", sagt sie.

Von der jetzigen Impfung ist bekannt, dass sie die Breite der Immunantwort mit jeder Dosis verstärkt. "Daher sind die Impfstoffe, die auch das Wuhan-Virus enthalten, eher geeignet, gegen mehrere Varianten zu schützen." Es geht also um den Aufbau einer breiten Immunität gegen Covid-19, um einen schweren Verlauf zu verhindern. Dies sei ein Hauptgrund, sich etwa alle sechs Monate impfen zu lassen. "Man muss also damit rechnen, dass Ende Herbst ein fünfter Stich notwendig wird, insbesondere bei Älteren und Risikopatienten", so Wiedermann-Schmidt.