Bereits 2020 hat Österreich begonnen, das Erbgut des Coronavirus Sars-CoV-2 aus Abwasserproben von Kläranlagen zu entschlüsseln. Diese Analysen sind heute Teil des nationalen Pandemiemonitorings. Sie spiegeln erstaunlich detailliert und exakt die Variantendynamik wider, berichtet ein Team um Andreas Bergthaler vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin (Cemm) und der MedUni Wien mit Innsbrucker Forschern im Fachblatt "Nature Biotechnology". Derzeit tue sich bei den Varianten abgesehen von BA.5 "eher wenig".

Hierzulande wurden schon in der Frühphase der Pandemie Virusanalysen im Abwasser entwickelt und ein Kläranlagen-Monitoringsystem aufgebaut. Österreichweit wurden rund 100 Kläranlagen regelmäßig beprobt für einen Überblick über die zirkulierenden Varianten. Doch lief dies mit Ende des Schuljahres 21/22 aus. Übrig bleibt die vom Gesundheitsressort geförderte Überwachung der 24 größten Kläranlagen Österreichs.

Für die aktuelle Studie griffen die Wissenschafter auf die Sequenzierungs- und Analysedaten von 3.413 Abwasserproben aus über 90 kommunalen Einzugsgebieten und Kläranlagen zurück, die zwischen Dezember 2020 und Februar 2022 entnommen wurden. Mit einer eigens entwickelten Software konnten die Erstautoren Fabian Amman vom CeMM und Rudolf Markt vom Innsbrucker Institut für Mikrobiologie die räumlich-zeitliche Häufigkeit von Virusvarianten aus den Abwasserproben feststellen. Die Daten wurden mit Aufzeichnungen von mehr als 311.000 nachgewiesenen Infektionen verglichen.

Die Ergebnisse würden erstmals weltweit bestätigen, dass die Abwasseranalysen einen präzisen Überblick über das Pandemiegeschehen bieten und die lokale Verbreitung von Virusvarianten in der Bevölkerung abbilden. "Für jede Woche und jedes Einzugsgebiet, in denen laut epidemiologischem Meldesystem eine Variante zumindest einmal auftrat, sehen wir in 86 Prozent der Proben derselben Woche ein entsprechendes Signal im Abwasser. Umgekehrt sehen wir in drei Prozent der Abwasserproben Varianten, die dem Patienten-basierten System entgehen", sagt Amman. Die durch Abwasseranalysen gewonnenen Daten würden eine Basis für die Vorhersage neuer Varianten bieten, den Vorteil bedenklicher Varianten kalkulierbar machen und das Infektionsgeschehen in Personen ohne Symptome würde erfassen.