Das Rätsel über die in den vergangenen Monaten zahlreich erkrankten Kinder mit Hepatitis-ähnlichen Symptomen scheint nun gelöst zu sein. Wie zwei britische Forscherteams herausfanden, steckt ein einfaches, harmloses Adenovirus hinter den akuten mysteriösen Infektionen, die weltweit bei rund 1.000 Kindern aus 35 Staaten beobachtet worden waren.

Im April dieses Jahres war die rätselhafte Erkrankung erstmals in Schottland gemeldet worden. Nach und nach wurden immer mehr Fälle bekannt. In Österreich wurden bis zum Mai zwei derartige Erkrankungen gemeldet. Akute Leberentzündung mit Gelbsucht, stark erhöhte Leberwerte, Übelkeit, Erbrechen sowie Bauchschmerzen waren die vorwiegenden Symptome. In mehreren Fällen waren sogar Lebertransplantationen notwendig.

Klassische Hepatitisviren (von A bis E) waren als Auslöser recht schnell ausgeschlossen worden. Schon damals hatten die Mediziner das Adenovirus als mögliches Grundübel ins Auge gefasst. Dabei war vor allem der Virustyp 41 nachgewiesen worden.

Ein Helfervirus ist nötig

In ihrer Preprint-Studie haben die Forscher der Universität Glasgow und vom University College in London nun das sogenannte adeno-assoziierte Virus 2 (AAV2) im Blutplasma und in der Leber der jungen Patienten nachgewiesen. Die Arbeit ist derzeit auf dem MedRxiv-Server publiziert und noch nicht von unabhängigen Experten überprüft. Doch Emma Thomson vom Zentrum für Virusforschung in Glasgow und Sofia Morfopoulou vom Institut für Kindergesundheit in London haben Blut- und Gewebeproben von 25 infizierten Kindern untersucht. Sie sequenzierten die DNA aller in den Proben gefundenen Gene und überprüften, ob sie von Viren stammen könnten. Dabei sind sie auf AAV2 gestoßen.

Dieses adeno-assoziierte Virus werkt im Körper nicht alleine. Es gehört zur Gruppe der Dependoviren, was bedeutet, dass sie von einem sogenannten Helfervirus abhängig sind, das dieselbe Zelle befällt. Die AAV sind von einem Adenovirus abhängig - daher auch der Name adeno-assoziiert. Das Helfervirus liefert Proteine, die vom AAV für die Vermehrung er Zelle benötigt werden.

Als Helfervirus kann neben dem humanen Adenovirus auch das humane Herpesvirus zum Einsatz kommen, wie die Forscher in der Studie anführen. Auch diese wurden in einer Großzahl der Fälle nachgewiesen. Obwohl die Erreger bisher nicht im Elektronenmikroskop sichtbar gemacht wurden, sprechen diese Indizien dafür, dass AAV2 der Auslöser für die rätselhaften Erkrankungen ist.

Die Frage nach Covid-19

Das im Jahr 1965 entdeckte AAV2 ist weit verbreitet. Bei etwa 80 Prozent aller Erwachsenen lässt sich ein früher Kontakt mit dem Virus nachweisen. Die Infektion erfolgt zumeist im Kindesalter. Zu Leberentzündungen kommt es dabei allerdings extrem selten.

Warum die ungewöhnlich problematischen Fälle mit AAV2 bei Kindern in dieser Zeit akut geworden sind, konnten die Wissenschafter nicht klären. Sie vermuten, dass sich mit der Covid-19-Pandemie normalerweise jahreszeitlich getrennte vermehrt auftretende Infektionen mit dem Virus beziehungsweise seinen Helfern verschoben und dabei überlappt haben. Dennoch können sie ein immunvermitteltes Phänomen nach Covid-19 bei empfänglichen Kindern nicht völlig ausschließen, heißt es in der Studie.

Die Maßnahmen, um die Verbreitung von Sars-CoV-2 und seinen vielen Varianten einzudämmen, hätten möglicherweise "einen Pool empfänglicher Kinder geschaffen, was zu viel höheren Zirkulationsraten von AAV2 sowie den Adenoviren und Herpesviren nach der Lockerung der Covid-19-Beschränkungen geführt haben könnte", schreiben die Forscher. Allerdings könnten auch genetische Faktoren manche Kinder empfänglicher machen.