Die Menschen in Österreich sollten ihre Cholesterinwerte besser im Blick und unter Kontrolle haben, sagten Mediziner Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien. Mehr als acht Prozent aller vorzeitige Todesfälle hierzulande wären durch Erreichen der Zielwerte von "bösem Cholesterin" (LDL-Cholesterin) vermeidbar. Dazu bräuchte es bessere Aufklärung durch die Hausärzte, regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, und dass jeder Mensch seine Werte etwa mit einer App abrufen könnte.

8,2 Prozent der vorzeitigen Todesfälle in Österreich sind laut Ende Juni vorgestellten Berechnungen des Instituts für Höhere Studien (IHS) in Wien "durch besseres Cholesterin-Management vermeidbar". Pro Jahr könnten damit rund 6.800 verfrühte Todesfälle verhindert werden. Die Studie berechnete zudem volkswirtschaftliche Kosten von einer Milliarde Euro durch erhöhte Cholesterinwerte bei den Menschen in Österreich.


Links

Link zur IHS Studie:

"Volkswirtschaftliche Kosten der Hypercholesterinämie in Österreich"

https://irihs.ihs.ac.at/id/eprint/6213/

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Der wichtigste Risikofaktor für arteriosklerotische Herzkreislauferkrankungen sei laut medizinischen Studien erhöhtes LDL- (Low Density Lipoprotein) Cholesterin im Blut, sagte Martin Clodi von der Abteilung für Innere Medizin im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz und der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG). Es führt zu Ablagerungen an den Gefäßwänden, was in der Nähe des Herzens und Hirns zu Infarkten beziehungsweise Schlaganfällen führen kann.

Ernährungsumstellung ist keine Lösung

Er nannte es einen "weit verbreiteten Irrglauben", dass eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten und des Lebensstils das Problem löst. "Bei erhöhtem LDL-Cholesterin können Lebensstilveränderungen in der Regel nur bis zu zehn Prozent Reduktion bringen", sagte Peter Siostrzonek von der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG). Demnach sei die medikamentöse Behandlung umso wichtiger.

Es gäbe eine Reihe von Medikamenten, um die Cholesterinwerte in den Zielbereich zu bringen, erläuterte Siostrzonek: Hauptpfeiler in der Therapie wären die weit gebräuchlichen Statine (Cholesterinsyntheseenzym-Hemmer). Weiters gäbe es "Resorptionshemmer", die die Aufnahme des Cholesterins in den Kreislauf reduzieren, Statin-ähnliche Cholesterinsynthese-Hemmer und "PCSK9-Inhibitoren" als neue Behandlungsformen. Letztere fördern die Aufnahme von Cholesterin in die Leber und senken daher die Menge im Blut. "Jeder Patient hätte also die Chance, in den Zielbereich gebracht zu werden", meint er.

Die Therapietreue der Patienten sei aber oft mangelhaft und die Medikamente würden teils nicht ordnungsgemäß eingenommen, so Siostrzonek: "Fast 80 Prozent der Österreicher, die bereits ein Ereignis wie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten, erreichen ihr Therapieziel nicht."

Screening sei verbesserungswürdig

"Wir müssen die Patienten besser aufklären, wie schädlich LDL-Cholesterin ist", sagte der Mediziner. Außerdem sei das Screening verbesserungswürdig. "Am Besten sollte man schon im mittleren Schulalter erstmals den Cholesterinstatus erheben, und auch in Gesundenuntersuchungen sollte dies fix beinhaltet sein", meint er.

Dazu müsse man die niedergelassene Ärzte man besser einbinden. "Cholesterin wird in Allgemeinpraxis oft zu wenig Aufmerksamkeit gegeben", erklärte Siostrzonek. Von der Politik fordert er, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen mehr Priorität bekommen, etwa durch ein spezielles "Krankheits-Management-Programm".

"In Österreich herrscht immer noch das Prinzip der Reparaturmedizin vor, und die Vorsorge wird vernachlässigt", so Helmut Schulter vom Österreichischen Herzverband. Es schmerze, tagtäglich das menschliche Leid hautnah mitzuerleben, das ein Herzinfarkt oder Schlaganfall verursacht. "Insbesondere wenn man weiß, dass dieses Leid eventuell vermeidbar gewesen wäre", sagte er. Der Experte plädierte dafür, die Cholesterinwerte in der elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) zu verankern, damit der Hausarzt weiß, wer von seinen Besuchern gefährdet ist. "Auch jeder Patient sollte etwa mit einer App in ELGA solche Werte abrufen können", sagte Clodi. Laut Betreibern wäre dies ohne große Schwierigkeiten umsetzbar, berichtete er. (apa)