Fallen Ärzte aufgrund von Pensionierungswellen oder Covid-19 in größerer Zahl aus, kann das mitunter rasch markante Löcher in die Gesundheitsversorgung reißen - das ist seit der Pandemie vielfach im kollektiven Bewusstsein angekommen. Komplexitätsforscher zeigen nun in einem "Stresstest" erstmals, wie dick die Versorgungsdecke pro Bundesland und Fachbereich ist. Dichter scheint das Netz in Vorarlberg und in der Allgemeinmedizin, dünner ist die Decke in NÖ oder der Steiermark.

Seine umfassende Analyse stellte das Team um Forscher vom Complexity Science Hub Vienna (CSH) nun im Fachjournal "Nature Communications" vor. Einen Vorläufer zum nun umfassenden "Stresstest" - ein Ansatz, der im Finanzbereich bereits länger angewendet wird, um das Risiko eines System-Kollapses unter verschiedenen Bedingungen abzuschätzen - lieferte die Gruppe um die vormals am CSH tätige Jana Lasser (jetzt Technische Universität Graz), Peter Klimek und Stefan Thurner bereits 2019 im Fachblatt "PNAS". Konzentrierte man sich damals noch auf die medizinische Grundversorgung - sprich das Netzwerk an Allgemeinmedizinern, ohne Fachärzte -, standen dem Team jetzt weit mehr Informationen zur Verfügung.


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Anonymisierte Patienten- und Ärztedaten

"Die Stabilität unseres Gesundheitssystems" testeten die Wissenschafter anhand von anonymisierten Patienten- und Ärztedaten (Abrechnungsdaten), wie Lasser im Gespräch mit der APA erklärte. Hier lässt sich nachvollziehen, wer in Österreich welche systemrelevanten Ärzte aufsucht und wohin sich Patienten wenden, wenn ein niedergelassener Mediziner etwa im Urlaub ist und ausfällt. "Daraus können wir ein sogenanntes 'Patientenflussnetzwerk' erstellen", so die Komplexitätsforscherin. Zusammen mit Informationen zu Öffnungszeiten schätzte das Team ab, wie groß die Kapazitäten der einzelnen Ärzte in etwa sind. Das erlaubt eine Einschätzung der Überlastungsgrenze - sprich, ab wann sie zusätzliche Patienten letztlich nicht mehr aufnehmen können.

Lasser und Kollegen setzten dieses virtuelle System dann Schocks aus: So simulierte man einerseits ein langsames Ausdünnen der Ärzteschaft durch Pensionierungen ohne Nachbesetzungen und andererseits ein rasches Minus von 15 Prozent weniger Ärzten etwa durch Covid-19-Erkrankungen und -Quarantänen. Einen Kollaps machen die Wissenschafter daran fest, wenn der Punkt in den mannigfaltigen Simulationen erreicht war, dass Erkrankte in ihrer näheren Umgebung auf keinen Arzt mehr ausweichen konnten.

Unterschiedlich belastbare Netze

Dabei zeigte sich, dass die jeweiligen Netze nach Bundesland und Fachgebiet sehr unterschiedlich belastbar bzw. resilient sind. Bis es etwa in Vorarlberg zu gravierenden Versorgungsengpässen kommt, ist es laut den Analysen ein weiterer Weg als etwa Niederösterreich oder der Steiermark, wo es in manchen Bereichen bereits bei einem Ärzte-Minus von um die zehn Prozent für die Patienten sehr schwierig würde. Während fast bundesweit der Bereich der Radiologie recht robust erscheint, sieht man etwa bei den Kinderärzten, in der Gynäkologie, Augenheilkunde oder Urologie recht wenig Spielraum.

Die Studie zeige auch eindeutig, dass es nicht nur darauf ankommt, wie hoch die Ärztedichte an sich ist, sondern auch "wie vernetzt die Ärzte untereinander sind", erklärte Lasser. In Vorarlberg sei das System insgesamt stärker verbunden: "Das heißt, die Patientenströme verteilen sich mehr." Möglicherweise seien im Westen auch die zeitlichen Kapazitäten pro Arzt im Schnitt höher. Obwohl es etwa in der Steiermark und in Vorarlberg ähnlich viele Augenärzte mit Kassenvertrag pro Kopf gibt, wird es in ersterem Bundesland schon bei sieben Prozent Ausfällen kritisch, in letzterem aber erst bei einem Minus von 28 Prozent.

In dem Covid-19-Schockszenario wurde klar, "dass bei den Allgemeinmedizinern ein Schock relativ gut verkraftbar ist". Braucht man unter solchen Voraussetzungen aber einen Augenarzt oder Neurologen, kann es deutlich schwieriger werden, so Lasser.

Mehrfacher "Stresstest"

Einen "Stresstest" hat das Gesundheitssystem in den Pandemie-Jahren nun mehrfach durchgemacht. Um für die Zukunft etwas zu lernen, ist es aber deutlich ratsamer, dies in Simulationen durchzuspielen, bei denen keinen echten Patienten Nachteile erwachsen. "Wir werden auch in Zukunft Krisen bewältigen müssen, weshalb eigentlich alle Länder vor der Herausforderung stehen, ihre Gesundheitssysteme neu aufzustellen", so Klimek. Will man das auf möglichst gesicherten Informationen fußend tun, brauche es dementsprechend umfassende und verlässliche Daten, die der Forschung auch zur Verfügung stehen sollten, betonte Lasser.

"Wir empfehlen den Gesundheitsbehörden nachdrücklich: Schaut euch an, wie gut eure Netzwerke Schocks absorbieren können. Denn erst wenn die kritischen Punkte bekannt sind, ist eine gezielte Planung möglich, die die Balance zwischen Kosteneffizienz und Krisenfestigkeit findet", betonte Klimek. (apa)