Auch wenn man es noch nicht wahrhaben möchte und die vorherrschenden Temperaturen kaum Anzeichen dafür parat haben, steht dennoch der Herbst bald wieder vor der Türe. Der Herbst wird wohl einmal mehr jener Zeitpunkt sein, an dem wir erkennen, ob eine erneute Corona-Welle über uns hereinschwappen wird. Seit Monaten wird beraten, wann und womit die Menschen ihren Schutzschild gegen Covid-19 wieder aufbauen sollen. Alleine die hohen Infektionszahlen der vergangenen Wochen lassen Experten zufolge eine baldige Initiative als sinnvoll erscheinen.

Doch welcher Impfstoff wird es dann sein? Ob es bereits im Herbst eine an die Omikron-Variante angepasste Vakzine für Österreich geben wird oder erst im Winter, ist noch nicht klar. Wiewohl es eine Individualentscheidung ist, welchen Impfstoff sich jemand verabreichen lässt, rät der Vakzinologe Markus Zeitlinger von der Medizinischen Universität Wien: "Lieber den Spatz in der Hand nehmen, als auf die Taube auf dem Dach warten."

Auf BA.1 ausgerichtet

Die Mutationsfreudigkeit des Coronavirus ist ungebrochen. Die Impfstoffentwickler können mit diesem Tempo nicht einmal annähernd mithalten. Die derzeitigen Vakzine zielen auf Sars-CoV-2 ab, wie es sich zu Pandemiebeginn zeigte. Erste an die Omikron-Variante angepasste Impfstoffe könnten, so die Hersteller Moderna und Pfizer, im Herbst verfügbar sein. Doch ob Omikron mit seinen mittlerweile bekannten Sublinien BA.1, BA.4 und BA.5 überhaupt noch den Ton angeben wird, ist die große Frage. Zudem ist der kurz vor dem Markteintritt stehende Impfstoff vor allem auf BA.1 ausgerichtet, erklärt Zeitlinger im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

In den USA hat sich die Arzneimittelbehörde FDA bereits gegen eine Ausweitung der Impfkampagne für den vierten Stich mit dem herkömmlichen Corona-Impfstoff entschieden. Denn angepasste Vakzine würden einen besseren Schutz gegen die aktuell dominierenden Varianten bieten, hieß es zuletzt in der "New York Times". Bisher wird der vierte Stich in den USA nur Personen ab 50 Jahren sowie immungeschwächten Personen empfohlen. Ab Herbst soll dann das neue Serum verabreicht werden, hat Präsident Joe Biden angekündigt.

Prüfung bei der EMA

Die EU-Arzneimittelbehörde EMA hat im Juni mit der Prüfung der Omikron-Vakzine von Moderna und Pfizer begonnen. Moderna hat einen sogenannten bivalenten Impfstoff in der Pipeline. Bivalent bedeutet, dass ein Impfstoff so konzipiert ist, dass er gegen zwei Krankheitserreger immunisiert. Moderna soll, so das Unternehmen, nicht nur gegen Omikron-Mutationen schützen, sondern auch gegen den ursprünglichen Sars-CoV-2-Stamm.

Die Studienergebnisse hatten dem Pharmakonzern zufolge gezeigt, dass die neue Vakzine als Booster, aber auch als Impfung nach einer Infektion, einen etwa fünffachen Anstieg der Antikörper gegen BA.4 und BA.5 auslöste. Jedoch erzeuge der neue Kandidat nicht so viele Antikörper wie gegen die ursprüngliche BA-1-Omikron-Variante. Im Vergleich dazu waren sie etwa dreimal niedriger.

Aber auch Pfizer hat positive Daten zu seinen Kandidaten vorgelegt. Es sind gleich zwei - ein bi- und ein monovalenter, an BA.1 angepasster Impfstoff.

Bestehende Corona-Vakzine zeigen nach wie vor einen guten Schutz vor Krankenhausaufenthalten und Todesfällen. Ihre Wirksamkeit gegen Ansteckung hat aufgrund der Weiterentwicklung des Virus allerdings abgenommen Wie sich die gänzlich neuen Varianten zum Impfstoff verhalten werden, ist noch unbekannt. Aber auch die EMA strebt die Zulassung der angepassten Vakzine bis Herbst an. Die Horrorvorstellung der Experten ist jene, dass der Schutz unterlaufen wird und wieder viel mehr Menschen schwerer erkranken. Angesichts des Wettrennens zwischen Virus und Impfstoffen gibt es die Diskussion, ob das Zulassungsprozedere beschleunigt werden sollte.

Schon vor einigen Wochen hat die EMA signalisiert, dass man in Abhängigkeit von den eingereichten Daten möglicherweise zu einem ähnlichen Rahmen wie bei der Grippeimpfung kommen könnte. Derzeit werden bei Sars-CoV-2 noch die klinischen Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit als unabdingbar für eine Zulassung gesehen. Stellt man auf das Prozedere wie bei der Grippeimpfung um, sind "nur noch In-vitro-Daten notwendig", so Zeitlinger.

Prozedere Grippeimpfung

"Ich halte es für folgerichtig, zu einem Prozess wie bei der Grippeimpfung zu kommen", betonte zuletzt Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Das müsse nicht unbedingt schon diesen Herbst sein. "Man könnte mit dem ersten angepassten Impfstoff nun einmal modellhaft zeigen, dass alles gut geht. Und dann in kommenden Saisonen ein schnelleres Verfahren wählen." Wie viele Dosen für Österreich beziehungsweise für gesamt Europa zur Verfügung stehen werden, ist noch nicht bekannt, erklärt Markus Zeitlinger. Auch habe er keinen Einblick, ob es wieder eine Priorisierungsstrategie geben oder "first come, first served" gelten wird. "Wenn es schon heute den angepassten Impfstoff geben würde, würde ich ihn auch gerne nehmen. Komme ich allerdings erst gegen Weihnachten zum Zug, dann würde ich nicht ohne vierten Stich in den Herbst gehen wollen", betont der Vakzinologe. Und es spreche ja nichts dagegen, sich vier Monate später erneut impfen zu lassen.

Impfbereitschaft sinkt

Bleiben bis Herbstende zu viele Menschen ohne oder ohne erneuten Booster, könnte sich das Virus wieder ungebremst ausbreiten, so die Befürchtung der Fachleute. Das Nationale Impfgremium (NIG) in Österreich empfiehlt vor allem Älteren, chronisch Kranken und Angehörigen von vulnerablen Gruppen eine vierte Impfung. Der zweite Booster, also der vierte Stich, ist in Österreich grundsätzlich für alle ab zwölf Jahren vier Monate nach der dritten Impfung möglich.

Einer jüngsten Spectra-Umfrage zufolge ist die Impfbereitschaft der Österreicher allerdings im Sinken. Insgesamt haben laut den Daten des E-Impfpasses zwar rund 6.835.000 Personen bereits zumindest eine Impfung erhalten. Grundimmunisiert - also mit insgesamt drei Impfungen versehen - sind allerdings nur rund 5 Millionen Menschen, sie machen 56,1 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.