Lockdowns und Ausgangsbeschränkungen prägten den Alltag, Quarantäne und Contact-Tracing sind in den Wortschatz übergegangen, FFP2-Masken und PCR-Tests wurden zu Requisiten der Pandemie, Abstandhalten wurde oberstes Gebot. Corona hält uns bereits seit über zwei Jahren in Schach. Mag einem die "neue Normalität" auch wie der absolute Ausnahmezustand vorkommen, so sind Massenerkrankungen keineswegs eine Novität.

Unsere Spezies lebt schon seit Langem mit viralen, bakteriellen und parasitären Krankheiten. So war die Menschheit etwa mit der Pest, Lepra, Cholera oder dem Typhus konfrontiert. Diese vier Seuchen werden in der Sonderausstellung "Krankheiten auf Reisen" im Narrenturm noch bis 23. April 2023 genauer beleuchtet.

Heilbare Dramen

Warum dieser Titel? Weil sich Krankheitserreger in vergangenen Tagen insbesondere im Zuge von Handelsrouten und kriegerischen Aktivitäten auf dem Erdball verteilten. Heute ist es vor allem der individuelle Reiseverkehr, der Viren, Bakterien und Parasiten per Flugzeug, Schiff oder Zug auf sämtliche Kontinente befördert. Sich ausgerechnet auf diese Infektionskrankheiten zu konzentrieren, war keine zufällige Entscheidung. Man habe sie hauptsächlich aufgrund ihres starken Wien-Bezugs gewählt, erklärt Sammlungsmanager und Kurator der Ausstellung Eduard Winter.

Zahlreiche Schautafeln führen in den drei Ausstellungsräumen die Ursprünge und Ansteckungswege der Erkrankungen vor Augen, genauso wie ihre Symptomatik und gesellschaftlichen Folgen. Näheres kann zudem über Therapie und Prophylaxe in Erfahrung gebracht werden, denn im Gegensatz zu früher sind die hier gezeigten Seuchen mittlerweile gut heilbar - und vor allem vermeidbar. Sobald deren Ursachen - wie etwa der von Nagetieren und Flöhen übertragene bakterielle Pesterreger "Yersinia pestis" oder der Lepra-Auslöser "Mycobacterium leprae" - ausfindig gemacht werden konnten, begann die Entwicklung von Impfstoffen.

Zusammen mit passenden Antibiotikatherapien und verbesserten Hygienemaßnahmen war deren Bewältigung möglich. Seuchen entstehen nämlich primär dann, wenn ein Krankheitserreger plötzlich (wieder) auftritt, auf den das Immunsystem des Menschen nicht vorbereitet ist.

Der Bau von Abwassersammelkanälen sowie die Erweiterung der Wiener Hochquellenwasserleitung dämmten die Durchfallerkrankungen Cholera und Typhus ein, die mitunter durch verunreinigtes Trinkwasser ausgelöst werden. Somit sind diese Infektionskrankheiten in Europa selten geworden, in Gebieten mit dichter Besiedelung und schlechten Hygienestandards treten sie jedoch nach wie vor auf.

Die überschaubare Anzahl an Feuchtpräparaten zeigt die verheerenden Auswirkungen der Krankheiten. So ist in einer der beiden Schaukästen unter anderem eine pestbefallene Lunge zu sehen, gekennzeichnet von charakteristischen Flecken, die aus der Entzündung des Lungengewebes resultieren. Daneben die naturgetreue Nachbildung einer Hand, an der die eitrigen Auswucherungen der Beulenpest veranschaulicht werden.

Zusammen mit der Pestsepsis und der weniger bedrohlichen abortiven Pest hatten die Lungen- und Beulenpest als "Schwarzer Tod" gravierende Folgen für die Menschheit. Allein in Wien verstarb 1349 die Hälfte der Bevölkerung. Die Krankheit war Knochenfunden zufolge bereits in der Steinzeit ein Thema und überdauerte mehrere Jahrhunderte.

Nachdem im Jahr 1679 die schwerste Pestwelle über Wien hereinbrach, gab es 1898 die letzten Pesttoten in der Hauptstadt.

Auch ein "Lepraglöckchen" wird ausgestellt. Mit diesem Warninstrument - einem länglichen, mit Glocken bestückten Holzstock - wurden Lepra-Infizierte üblicherweise gebrandmarkt. Diese lebten beispielsweise in eigenen Leprakolonien fernab der Stadt oder waren auf separaten Inseln ihrem Schicksal überlassen. Häufig wurde vor der gesellschaftlichen Verbannung eine spezielle Begräbniszeremonie organisiert.

Die lehrreiche Sammlung hält eine wesentliche Botschaft bereit. Laut Eduard Winter soll sie Bewusstsein dafür schaffen, dass Pandemien immer auftreten können, man diesen mit der richtigen Behandlung aber Herr werden kann. Das kann gelingen, indem man an einem Strang zieht und die richtigen Strategien anwendet.

Seuchen mögen beängstigend sein und die Gesellschaft vor scheinbar unüberbrückbare Hindernisse stellen. Doch die Menschheit hat bereits zahlreiche, todbringende Seuchen bezwungen und wird es, wenn nötig, weiterhin tun.