Dem gefürchteten sogenannten Krankenhauskeim haftet eine Bedrohlichkeit an - zurecht. Denn nahezu 5.000 Menschen sterben in Österreich pro Jahr infolge von postoperativen Infektionen mit Bakterien wie Staphylokokken oder Enterokokken. Zwar fängt man sie sich grundsätzlich bei einer Behandlung im Krankenhaus ein, aber diese Komplikationen sind zu einem überwiegenden Anteil hausgemacht. Sie werden bereits über die Hautflora der Patienten mitgebracht, schildert der Infektionspräventionsexperte und Genetiker Christoph Klaus im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Durch optimierte Hygienemaßnahmen wären bis zu 50 Prozent solcher Infektionen zu verhindern, heißt es seitens der Österreichischen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (ÖGKH).

Jedes Bakterium und jeder Pilz kann eine Wundinfektion verursachen. In der Regel sind es tatsächlich Hautkeime, erklärt der Experte. Das hat eine Vielzahl an Studien bestätigt. Auf jedem Quadratzentimeter Haut sind bis zu zehn Millionen Bakterien angesiedelt. Diese nehmen prinzipiell eine wichtige Schutzfunktion wahr. Sie bilden einen Säureschutzmantel, um den Menschen gesund zu erhalten und sich auf der Haut keine krankhaften Erreger ansiedeln können.

Hygienestandard im OP hoch

Allerdings können sie im Zuge einer Operation, bei der die Hautbarriere durch das Skalpell durchbrochen wird, in das Wundgebiet eindringen und dort möglicherweise Infektionen und damit verbunden Folgeoperationen, Schmerzen, Behinderungen oder Arbeitsunfähigkeit auslösen und schlimmstenfalls bis hin zum Tod führen, weiß Albert Tuchmann, Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie zu berichten.

Aufgrund der Tatsache, dass immer wieder Menschen von Infektionen betroffen sind, dürfe man "nicht den Schluss ziehen, dass die Hygiene im Krankenhaus schlecht" sei. Denn, das "Umfeld im Krankenhaus ist nicht das Problem, zumal der Hygienestandard im Operationssaal besonders hoch ist", so Klaus. In den letzten Jahrzehnten habe man sich in den westlichen Ländern immer wieder die Frage gestellt, woher diese Wundinfektionen kommen. Denn gerade bei einer Operation wird der Patient besonders gut mit einem Hautantiseptikum desinfiziert, das Instrumentarium ist steril. "Eine viel reinere Umgebung kann man sich gar nicht vorstellen als jene im OP-Saal", betont der Experte.

Heute lässt sich genetisch nachweisen, woher der krankmachende Keim stammt. Und so haben Studien gezeigt, dass postoperative Wundinfektionen zu etwa 90 Prozent durch die eigene Hautflora verursacht sind. Obwohl man annehmen könnte, dass in einem Land wie Österreich der Hygienestandard hoch ist, komme es "tatsächlich gar nicht so selten vor, dass Patienten ungewaschen ins Krankenhaus kommen", so Klaus. Auch gebe es Menschen, die "nicht einmal die grundlegendsten Grundlagen für die Körperhygiene kennen". Die Gesundheitskompetenz unter der Bevölkerung sei in Österreich generell gering. Das Wissen darüber, was gesund oder was schädlich ist "und woher ich die Informationen darüber bekomme", sei nicht besonders ausgeprägt.

Doch genau hier ist anzusetzen - nämlich bei der Körperhygiene. Um das Risiko einer Wundinfektion zu reduzieren, sei es nötig, die Hautflora des Patienten kurzfristig so weit wie möglich zu reduzieren. In Österreich kommen vor allem Produkte mit dem antiseptischen Wirkstoff Octenidin für präoperative Maßnahmen zum Einsatz, die drei bis fünf Tage vor einer geplanten Operation erfolgen sollten.

Hautflora beseitigen

Einmal täglich duschen und zwei bis dreimal täglich ein Octenidin-hältiges Nasengel in den Nasenvorhöfen verteilen, lautet die Anweisung des Experten. "Die häufigsten Erreger - die Staphylokokken - fühlen sich vor allem in der Nase wohl und besiedeln von dort ausgehend den gesamten Körper."

Mit diesen Maßnahmen habe man vor allem in der Orthopädie und der Herzchirurgie begonnen, weil in diesen Fachrichtungen nicht nur operiert wird, sondern auch mechanische Teile wie künstliche Gelenke, Stents oder Herzschrittmacher in den Körper eingesetzt werden. Infiziert sich ein solches Implantat, ist das für den Patienten nicht nur extrem schmerzhaft, sondern auch das Risiko einer Sepsis hoch. "In Kombination mit multiresistenten Erregern wird es immer problematischer."

Zum Schutz des Patienten müsse die Hautflora so gründlich wie möglich beseitigt werden. Da die Maßnahme nur eine kurzfristige ist, brauche man sich keine Gedanken über ein zerstörtes Hautmikrobiom machen, betont der Experte. Dieses regeneriere sich sehr schnell wieder. Viel schädlicher sei die Antibiotikagabe aufgrund einer Infektion. "Viele Leute wissen gar nicht, wie sehr ein Antibiotikum die Haut- und Darmflora verändert. Mit einem Schlag ist alles kaputt."

Freilich bleibt bei jeder Operation ein gewisses Restrisiko. Doch, "wenn man weiß, wie man das eigene Risiko minimieren kann, sollte man dieses Wissen auch nutzen bzw. darüber informieren", schlussfolgert Klaus.