Traditionell zählt Allerheiligen zu den stillen Tagen, die, anders als der überwiegende Rest des Jahres, ohne Unterhaltungsveranstaltungen über die Bühne gehen. Doch das war einmal. Auch heuer steht der 31. Oktober im Zeichen von wandelnden Toten, gequälten Gespenstern, geschnitzten Kürbissen und Horror-Ikonen, wenn es heißt: Happy Halloween!

Der (Un-)Glückwunsch ist nicht so widersprüchlich, wie er vielleicht scheinen mag. Sondern er steht für einen Aspekt des Menschseins. Wir genießen ein Schaudern, solange wir das Gefühl haben, die Gefahr unter Kontrolle zu haben. Das berichtet die Medizinuniversität Graz anhand von empirischen Erfahrungen und Studien aus der klinischen Psychotherapie und Psychiatrie.

"Angst ist die wahrscheinlich mächtigste akute Emotion, ein Programm für Psyche und Körper. Der Sinn der Angst ist die Erhaltung des Lebens", sagt Robert Queissner von der Klinischen Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin der Medizinuni Graz. "Bei allen höheren Säugetieren zeigt sich diese Emotion in unterschiedlicher Ausprägung. Sie soll vor potenziellen Gefahren für Leib und Leben schützen und helfen, dem Tod zu entgehen."

Angst verändert das Sensorium des Körpers durch die Ausschüttung von Stresshormonen. Adrenalin spornt in Gefahrensituationen zu Höchstleistungen an. Es steigert die Sauerstoffversorgung, weitet die Bronchien, erhöht die Herzfrequenz und den Blutzuckerspiegel und macht Reserven mobil. Cortisol wiederum versorgt den Körper mit energiereichen Verbindungen. "All dies kann wie ein Rauschzustand erlebt werden, und wer sich der Angst gezielt aussetzt, macht diese Erfahrung", so Queissner.

Ob die Hersteller von Halloween-Scherzartikeln all dies schon im Vorfeld bedacht haben? Es wäre möglich. Immerhin beruht die Wirksamkeit von Werbung auf Emotion. Und dass Angstgefühle nicht kalt lassen, belegen Studien etwa zur Ausübung von Extremsportarten, die in gezieltem Rahmen Situationen erzeugen, die die Psyche massiv unter Stress setzen. Auch Kampfpiloten oder Abenteurer wie Felix Baumgartner, die freiwillig in stratosphärischen Höhen aus einem Flugzeug springen, Astronauten, Schnellbobfahrer oder Skispringer haben damit Erfahrung.

Wer in die Rolle des Todes schlüpft, persifliert ihn

"Das ist nicht Furcht im Sinne von Panik, sondern eine Angst in sich, mit der man durch Übung umzugehen lernt", sagt der klinische Psychotherapeut. Ist die Gefahr überstanden und die Anspannung jedoch vorbei, geht es sich wie auf Wolken. Der Körper schüttet Endorphine aus, man fühlt sich erschöpft, aber zufrieden. Genau dieser Kitzel schient es zu sein, der Halloween und sämtliche Horrorfilme zu Kassenschlagern macht: Ich zittere, also bin ich.

Bleibt die Verkleidung, die fremde Identitäten ein Stück weit erfahrbar macht. Wer sich verkleidet, will neben vielen anderen Faktoren - Lust am Auffallen, an Zugehörigkeit oder einfach aus Spaß - sich selbst auf neue Weise spüren. Doch warum um alles in der Welt wollen wir uns wie der Tod, wie eine Erhängte, ein Killer-Clown oder eine verwunschene Hexe fühlen? Queissners Antwort: "Es geht um die Kontrollierbarkeit. Wenn ein Symbol bedrohlich ist, lässt es sich persiflieren, indem man in es hineinschlüpft. Wenn wir uns also in die Rolle des Todes begeben, stellen wir ihn unter die eigene Kontrolle und können dadurch besser mit ihm umgehen", sagt er, und spannt den Bogen zu einer weiteren Analogie: In indianischen Kulturen lebten die Stämme teilweise einige Tage mit den Toten zusammen, diese waren somit unter den Lebenden. In diesem Sinne könne Halloween als persönliche und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit gesehen werden - deren Ernsthaftigkeit allerdings zunehmend in den Hintergrund tritt, je länger und schriller der Abend.

Halloween ist ein Derivat unterschiedlicher christlicher und heidnischer Bräuche zur Ehrung der Toten und Abwehr von bösen Geistern. Das Fest geht wahrscheinlich auf das keltische Samhainfest und zentraleuropäisch-christliche kulturelle Ereignisse, wie etwa die Walpurgisnacht, zurück. "So unterschiedlich all diese Feste in Ablauf und Bräuchen scheinen, beruhen sie doch auf dem gemeinsamen Nenner der Furcht vor einer unkenntlichen, allgegenwärtigen Bedrohung, die das Leben verändern oder beenden kann", sagt Queissner. Durch die Ausübung diverser kultischer Handlungen solle die vermeintliche Bedrohung auf magischen Wegen abgelenkt oder gar abgewendet werden.