Manche Gespräche fordern schon beim Zuhören heraus. Wie dieses hier aus dem Frühjahr, das der Familie Zündstoff für Diskussionen lieferte. - A: "Wie geht es Dir?" - B (eine aufrechte Haltung annehmend): "Super, ich war gestern wieder demonstrieren." - A: "Bist eh ungeimpft?" - B: "Na sowieso!"

Konnte es wirklich sein, dass die Gesprächspartner nicht nur sich und andere dem Risiko einer Infektion aussetzten, sondern ihren Impfstatus als cool begriffen? War Zugehörigkeit zu gewissen Kreisen tatsächlich eine Frage dessen, ob man einen Stich gegen Covid-19 erhalten hatte oder nicht?

Ein Forschungsteam unter Beteiligung der Universität Wien bestätigt diesen Verdacht. Es hat die Psychologie hinter der Impf-Diskussionen untersucht. Dabei hat es erstens herausgefunden, dass die Identifikation mit dem eigenen Impfstatus eine entscheidende Rolle spielt, und zweitens, dass sich Impfbefürworter ganz genau so damit identifizieren.

Seit den ersten Impfungen gegen Covid-19 habe sich der öffentliche Diskurs zum Thema deutlich verschärft, schickt das Psychologenteam voraus. Gestritten werde nicht mehr über eine Gesundheitsentscheidung, sondern über einen Wert. Der Impfstatus würde als Wert an sich wahrgenommen. "Aus diesem Grund ist es so schwierig, mit reinen Informationskampagnen gegenzusteuern", schreibt der Arbeits- und Sozialpsychologen Robert Böhm in einer Aussendung zur Studie. Die pandemische Ausprägung von Skepsis gegen die Wissenschaften sitzt tief und ist eher im Reich des Gefühls und des Glaubens als im Bereich des Faktischen verortet.

Die Forschenden haben untersucht, wie sich die Polarisierung zwischen geimpften und ungeimpften Bürgern und Bürgerinnen entwickelt und womit diese zusammenhängt. Erste Ergebnisse haben sie im Fachjournal "Nature Human Behaviour" publiziert.

Die Studie der Universitäten Bonn, Erfurt und Wien sowie des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin Hamburg fand im Rahmen des "Cosmo"-Panels statt. Bei dieser Langzeitstudie zum Erleben und Verhalten von Geimpften und Ungeimpften in Deutschland und Österreich seit Dezember 2021 werden rund 3.000 Personen, die gegen Covid-19 geimpft sind, und rund 2.000 Personen, die sich bisher gegen eine Impfung entschieden haben, in regelmäßigen Abständen befragt.

Laut den Forschern hebt die große Anzahl von ungeimpften Personen, die regelmäßig an der Online-Umfrage teilnehmen und so ihr Erleben und Verhalten während der Pandemie teilen, diese Studie von anderen ab. "Wir konnten zeigen, dass der Identifikation mit dem eigenen Impfstatus eine entscheidende Rolle zukommt", erklärt Luca Henkel von der Universität Bonn. Je mehr sich Personen damit identifizierten, geimpft oder ungeimpft zu sein, desto intensiver sei die Polarisierung.

Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass ungeimpfte Befragte die Debatte über das Impfen als deutlich unfairer wahrnehmen und mehr soziale Ausgrenzung erleben als geimpfte Befragte.

Ideologische Entscheidung

Je mehr sich Personen mit ihrem Impfstatus identifizierten, desto unfreundlicher und diskriminierender wurden sie zu der jeweils anderen Gruppe. Das zeigte sich auch ganz real: "In einem unserer Experimente konnten die Teilnehmenden 100 Euro zwischen sich und einer anderen Person aufteilen. Sowohl Geimpfte als auch Ungeimpfte haben Personen mit anderem Impfstatus benachteiligt, und zwar umso stärker, je mehr man sich mit dem Impfstatus identifizierte", erklärt Böhm.

Weiters konnten die Forscher zeigen, dass auch die Akzeptanz von Maßnahmen zur Steigerung der Impfquoten von der Art der Identifikation abhing. Geimpfte Personen befürworteten eine Impfpflicht umso vehementer, je wichtiger ihnen ihr Status als "geimpft" war. "Wer allerdings ungeimpft war und sich damit besonders stark identifizierte, lehnte die Impfpflicht besonders heftig ab", erklärt Cornelia Betsch von der Universität Erfurt.

Aufgrund dieser starken Identifikation mit dem eigenen ‚Ungeimpftsein‘ können mit klassischen Kampagnen solche Personen kaum erreicht werden. Die Forscher empfehlen, die Polarisierung zwischen den Gruppen schnellstmöglich abzubauen und einen wertschätzenden gegenseitigen Umgang aufzubauen, sodass Impfen wieder zur Gesundheitsentscheidung wird und keine ideologische Wertentscheidung bleibt.