Einer, zwei oder gar vier Liter Wasser am Tag?

Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sollten Erwachsene 1,5 Liter Wasser täglich trinken. Weniger als ein Liter pro Tag seien nicht genug, um den Körper ausreichend mit Flüssigkeit zu versorgen. Das Österreichischen Gesundheitsportal sieht es auf seiner Homepage differenzierter: Hier sollten Jugendliche und Erwachsene pro Tag zwischen 30 und 40 Milliliter Wasser pro Kilogramm Körpergewicht aufnehmen. Das wären 2,1 bis 2,8 Liter für eine Person, die 70 Kilo wiegt, und für eine mit 100 Kilo bis zu vier Liter.

Was ist richtig? Wie viel Wasser versorgt den Flüssigkeitshaushalt und die Körperzellen am besten? Mengen zu zählen sei nicht der Weisheit letzter Schluss, berichtet die University of Wisconsin-Madison im gleichnamigen US-Bundesstaat im Fachmagazin "Science", unser Wasserbedarf sei unterschiedlich. Die Menge Wasser, die Menschen rund um den Globus und im Laufe ihres Lebens zu sich nehmen, variiere mit Alter, Klima, Gesundheitszustand, Fitness, Gewicht, Geschlecht und nicht zuletzt der Ernährung.

Einer von drei Menschen hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Vor diesem Hintergrund hat das Team den Wasserumsatz von 5604 Menschen im Alter von acht bis 96 Jahren aus 26 Ländern untersucht, wobei die Durchschnittswerte zwischen einem und sechs Litern pro Tag lagen.

Frühere Studien zum Wasserhaushalt stützten sich weitgehend auf Befragungen, in deren Rahmen Testpersonen ihren Wasser- und Nahrungsmittelkonsum notiert und berichtet hatten. Auch gezielte Beobachtungsstudien an bestimmten Gruppen flossen in den wissenschaftlichen Datenschatz ein. Die Autoren der neuen Studie waren nach eigenen Aussagen um einen möglichst objektiven Zugang bemüht. Sie maßen die Zeit, die getrunkenes Wasser zwischen Einnahme und Ausscheidung für den Weg durch den Körper benötigt, indem sie es gewissermaßen markierten. Die Studienteilnehmer tranken eine abgemessene Menge Wasser, das nachweisbare Wasserstoff- und Sauerstoffisotope enthielt. Isotope sind Atome eines Elements mit einem anderen Atomgewicht als das Element selbst. Dadurch lassen sie sich von Element-Atomen in Proben unterscheiden.

Individuelle Menge

"Wenn man misst, wie schnell jemand diese stabilen Isotope im Laufe einer Woche über den Urin ausscheidet, kann man viel lernen: Der Umsatz von Wasserstoff-Isotopen zeigt den Wasserumsatz im Körper. Jener von Sauerstoff-Isotopen zeigt, wie viele Kalorien die Person verbrennt", wird Studienautor Dale Schoeller in einer Aussendung der Universität zitiert. Mehr als 90 Forscher waren an der Studie, die vom Nationalen Institut für biomedizinische Gesundheit und Ernährung in Japan geleitet wurde, beteiligt. Das Team verglich die Daten der Teilnehmer mit Umweltfaktoren wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Höhenlage am Wohnort, und den gemessenem Wasserumsatz und Energieverbrauch mit Körpergewicht, Geschlecht, Alter und Fitness. Auch der Human Development Index, einer Statistik zu Bildung, Lebenserwartung und Einkommen, wurde herangezogen.

Am meisten Wasser benötigen laut den Analysen Männer im Alter von 20 Jahren, während Frauen im Alter zwischen 20 bis 55 Jahren am meisten tranken. Alles in allem unterscheiden sich Männer und Frauen um etwa einen halben Liter Wasserumsatz, wobei körperliche Aktivität und Fitness die Unterschiede noch einmal steigerten.

Laut den Ergebnissen nimmt und verliert ein männlicher Nicht-Sportler im Alter von 20 Jahren und einem Gewicht von 70 Kilo, der moderat körperlich aktiv ist, auf Meereshöhe in einem entwickelten Land bei einer mittleren Lufttemperatur von zehn Grad Celsius und bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent lebt, täglich etwa 3,2 Liter Wasser. Eine Frau desselben Alters und Aktivitätsniveaus, die 60 Kilo wiegt und am selben Ort lebt, würde 2,7 Liter Wasser verbrauchen.

Eine Verdoppelung des Energieverbrauchs erhöhe den täglichen Wasserumsatz um etwa einen Liter und eine 50-prozentige Steigerung der Luftfeuchtigkeit um 0,3 Liter. Sportler verbrauchen etwa einen Liter mehr als Nicht-Sportler. Die Forscher stellten fest, dass Jäger und Sammler, Mischbauern und Subsistenzlandwirte einen höheren Wasserumsatz haben als Menschen in Industrieländern. Insgesamt gilt außerdem: Je weniger entwickelt ein Land ist, desto mehr Wasser verbraucht ein Mensch pro Tag. Die Studie wurde von der Internationale Atomenergiebehörde, die National Science Foundation und die Gesundheitsbehörden der USA und Chinas finanziert.(est)