Wissenschafter aus Cambridge haben ein nicht mehr patentgeschütztes Medikament identifiziert, das zur Vorbeugung von Covid-19 eingesetzt werden kann. Es handelt sich um ein Präparat, das bei Lebererkrankungen zum Einsatz kommt. Möglicherweise kann es auch vor künftigen Varianten von Sars-CoV-2 schützen, schreiben die Forscher im Fachblatt "Nature". Dieses Medikament sei in der Lage, die Tür zu verschließen, durch die das Coronavirus in die menschlichen Zellen eindringt - nämlich jenen Rezeptor auf der Zelloberfläche, der als ACE2 bekannt ist.

Mini-Organ, Hamster, Mensch

Im Zuge ihrer Forschungen an Organoiden - in diesem Fall Mini-Gallengängen - fanden der Hepatologe Fotios Sampaziotis von der University Cambridge und der Stammzellforscher Ludovic Vallier von der Berliner Charité heraus, dass ein als FXR bekanntes Molekül das virale Tor ACE2 direkt reguliert, indem es dieses effektiv öffnet und schließt. Zudem wiesen die beiden Wissenschafter nach, dass die Substanz Ursodeoxycholsäure (UDCA) FXR ausschaltet und die ACE2-Tür schließt.

Mit demselben Ansatz konnte das Team das ACE2-Tor auch in Mini-Lungen und Mini-Därmen - Lunge und Darm sind die beiden Hauptziele von Sars-CoV-2 - schließen und damit eine Virusinfektion verhindern, heißt es in der Studie. Dieser Vorgang konnte in einem nächsten Schritt bei Hamstern erfolgreich unter Beweis gestellt werden. Die mit UDCA behandelten Tiere waren damit vor der Delta-Variante des Virus geschützt, das zum Versuchszeitraum noch neu und zudem gegen bestehende Impfstoffe resistent war.

"Impfstoffe schützen uns, indem sie unser Immunsystem stärken, sodass es das Virus erkennen und beseitigen oder zumindest abschwächen kann. Aber Impfstoffe funktionieren nicht bei jedem - zum Beispiel bei Patienten mit einem schwachen Immunsystem - und nicht jeder hat Zugang zu ihnen. Außerdem kann das Virus zu neuen impfstoffresistenten Varianten mutieren", erklärt Sampaziotis. Er und sein Team seien daran interessiert, alternative Wege zu finden, um uns vor einer Sars-CoV-2-Infektion zu schützen, "die nicht vom Immunsystem abhängig sind und die Impfung ergänzen könnten".

Gemeinsam mit Forscherkollegen testeten sie den Wirkstoff schließlich auch an acht gesunden Freiwilligen. Schließlich waren in Abstrichen aus der Nase dieser Probanden geringere Mengen von ACE2 enthalten. Das deutet darauf hin, dass das Virus weniger Möglichkeiten hat, in ihre Nasenzellen einzudringen und sie zu infizieren. Die Nase ist das Haupteinfallstor für Sars-CoV-2.

Wirkt direkt auf die Zellen

Eine umfassende klinische Studie sei den Wissenschaftern zufolge zwar nicht möglich gewesen, doch taten sie das Nächstbeste. Sie untersuchten die Daten zu den Covid-19-Ergebnissen von zwei unabhängigen Patientenkohorten und verglichen die Personen, die bereits UDCA gegen ihre Lebererkrankung eingenommen hatten, mit Patienten, die das Medikament nicht erhielten. Dabei fand das Forschungsteam heraus, dass Patienten mit UDCA seltener eine schwerere Covid-19-Erkrankung entwickelten und auch nicht ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten.

Da die Substanz direkt auf die menschlichen Zellen wirkt, werde es nicht durch Mutationen im Virus beeinträchtigt, so die Forscher. Daher sollte es auch dann noch wirksam sein, wenn auch neue Varianten auftauchen. Das Präparat könnte vor allem Personen mit hohem Covid-19-Risiko verabreicht werden, betont Sampaziotis.