Alzheimer gilt landläufig als vorwiegend von den Genen gesteuerte neurodegenerative Erkrankung des Alters. Lange Zeit war die Demenzforschung deshalb auch sehr stark auf die Genetik fokussiert. Doch spielt offenbar die unzureichende Versorgung unseres Gehirns mit wichtigen Nährstoffen und Metaboliten eine weitaus wichtigere Rolle als bisher angenommen. Knackpunkt dafür, ob unser Denkorgan gut versorgt werden kann, ist die Blut-Hirn-Schranke. Auf sie gilt es, das Augenmerk zu richten, betont der Pharmazeut Christian Noe im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Wir haben es nicht mit einer punktuellen Erkrankung zu tun, sondern mit einer systemischen Erkrankung des Gehirns."

Die Blut-Hirn-Schranke ist Torwart, Zöllner aber auch Secret Service. Sie sorgt dafür, dass Stoffe ganz gezielt ins Gehirn gelangen und Abbauprodukte wieder heraustransportiert werden. Aber auch dafür, dass bestimmte Stoffe erst gar nicht durchkommen. Dadurch wird das Gehirn vor schädlichen Substanzen, Krankheitserregern und Giften geschützt.

Metabolisches Gleichgewicht

Sie ist die Grenze zwischen Blut und Zentralnervensystem. Dabei handelt es sich aber nicht um eine einfache Barriere, sondern um die Gesamtheit der Ummantelung aller kleinen Blutgefäße im Gehirn, sagt Noe, auch Gründer des Wiener Start-ups Brain Metabolics Health GmbH, welches Ursachen und Behandlung von Demenzen erforscht. Die Nährstoffversorgung des Gehirns und ihre Bedeutung bei der Prävention sind dabei ein zentraler Ansatzpunkt.

In der Blut-Hirn-Schranke sind die Gefäßwandzellen besonders abgedichtet und untereinander sowie mit umgebenden Zellen eng verknüpft. Sie sorgt für ein stabiles metabolisches Gleichgewicht im Nervensystem. Ein Versagen ihrer Funktionen oder gar der Untergang der Endothelzellen sind Ursachen für das Auftreten der meisten Demenzen, erklärt der Pharmazeut.

"Wir kennen die Bedeutung, wenn Gefäße nicht funktionieren, wenn das metabolische Syndrom zu Atherosklerose führt. Herzinfarkt, Schlaganfall oder Diabetes sind häufig die Folge davon. Der gleiche Mechanismus führt zu einem beeinträchtigten Transport über die Blut-Hirn-Schranke und einer Unterversorgung des Gehirns mit Energie und Nährstoffen. Die Folge ist ein zerebrales metabolisches Syndrom." Ausgehend von diesem kommt es den Forschungen Noes und anderer Wissenschafter zufolge zu Störungen spezieller Stoffwechselwege des Gehirns. Damit wird der Weg zu Neurodegeneration und Demenzen geebnet.

Gehen Nervenzellen im Gehirn unter, ist das weitgehend irreversibel. Für die Alzheimer-Demenz sind zwei verschiedene Eiweißablagerungen charakteristisch: die Beta-Amyloid-Plaques und die Tau-Fibrillen. Beta-Amyloid ist ein natürlich im Körper vorkommendes Eiweiß. Im gesunden Gehirn wird es problemlos gespaltet und abgebaut. Bei Alzheimer entstehen Beta-Amyloid-Plaques - Verklumpungen und unauflösliche Ablagerungen zwischen den Nervenzellen. Diese können vom Körper nicht mehr abgebaut werden.

Transportkraft lässt nach

Das Tau-Protein wiederum befindet sich im Zellinneren. Es formt die sogenannten Mikrotubuli - Röhrchen, die beim Transport von Nährstoffen und anderen wichtigen Substanzen von einem Teil der Nervenzelle zu einem anderen helfen. Bei Alzheimer ist das Tau-Protein verändert und bildet sogenannte Tau-Fibrillen. Durch diese Fasern, die sich in der Nervenzelle sammeln, verlieren die Zellen ihre Form, ihre Funktion und sie zerfallen. In Folge ist die Kommunikation zwischen den Nervenzellen gestört. Dies führt zu Ausfällen in Gehirnregionen, die für das Denken, die Sprache und die Orientierung zuständig sind. Auch die Entstehung dieser Ablagerungen ist durch Lebensumstände bedingt. Stille Entzündungen und Infektionen der Gefäße im Gehirn oder chronischer Stress lösen das Geschehen aus.

Die besten Nährstoffe nützen nichts, wenn sie nicht bis ins Gehirn kommen, so Noe. Doch die Transportkraft lässt im Alter nach. Daher müssen Transporter aktiviert werden, um Stoffen wie Glukose und Aminosäuren den Weg ins Gehirn zu ebnen. Glukose versorgt es mit Energie. Das Gehirn verbraucht mehr als die Hälfte der in der täglichen Nahrung enthaltenen Kohlenhydrate. Aminosäuren benötigen wir für die Herstellung von Botenstoffen wie Serotonin oder Dopamin, welche selbst nicht über die Blut-Hirn-Schranke transportiert werden. Solche Botenstoffe sind Neurotransmitter und leiten Signale zwischen den Nervenzellen weiter. Vor allem Dopamin steuert emotionale, geistige und motorische Reaktionen.

Prävention ist damit das Um und Auf, um Neurodegeneration hintanzuhalten. So haben etwa Omega3-Fettsäuren die Eigenschaft, dass sie Membranen beweglicher machen und damit die Transporter besser arbeiten können, erklärt Noe. Diese Transporter lassen sich auch mit Gingko oder Ginseng aktivieren. Das im Rotwein enthaltene Resveratrol oder Spermidin, das selbst auch nicht über die Schranke transportiert wird, sind ebenfalls Stoffe, die immer wieder als Prävention für den alternden Menschen ins Rennen geführt werden.

Ihr Browser kann derzeit leider keine SVG-Grafiken darstellen!

Individuelle Prävention

Präventionsmaßnahmen können allerdings nicht über einen Kamm geschoren werden, sondern seien individuell anzupassen. Ob besonderer Bedarf besteht, lässt sich etwa mit dem Finger-Score-System ermitteln. Die "Worldwide Fingers-Studie" habe belegt, dass die Lebensführung wesentlich zur Entstehung von Demenzen beiträgt, betont Noe. Als Risikofaktoren wurden vor allem falsche Ernährung und damit einhergehend Übergewicht und Metabolisches Syndrom sowie fehlende körperliche, geistige und soziale Aktivität erkannt. Bildungsgrad, Alter und Geschlecht kommen als weitere Risikofaktoren hinzu.

Darauf aufbauend wurde ein Risikoscore entwickelt, der es erlaubt, das persönliche Risiko eines Menschen, in späteren Jahren an einer Demenz zu erkranken, abzuschätzen.

Christian Noe ist überzeugt, dass "wir an einer fundamentalen Wende im Umgang mit Demenzen stehen". Zur Gesunderhaltung der kognitiven Funktionen sei das metabolische Gleichgewicht der Gehirnzellen eine entscheidende Voraussetzung, aber auch die gesamte Lebensführung. Der Pharmazeut hofft, dass Demenzen nicht länger ein Schicksal sind.