Hustensaft, Fiebersenker, aber auch Antibiotika sind in Apotheken aktuell Mangelware. Teile der Regale stehen praktisch leer. Die Ursachen dafür sind unter anderem Produktions- und Lieferschwierigkeiten in China und Indien sowie logistische Probleme. Die Apothekerkammer fordert einen erweiterten Notfallparagraphen, um die Ausgabe von Arzneien an Kunden flexibler gestalten und damit ein mögliches Versorgungsproblem abwenden zu können. Erfahrungen aus der Integrativmedizin zeigen wiederum, dass auf so manches Medikament im Krankheitsfall durchaus verzichtet werden könnte. Damit stünde letztendlich die Lagerware jenen Patienten zur Verfügung, die sie tatsächlich benötigen.

"80 Prozent aller gängigen Arzneistoffe werden im asiatischen Raum hergestellt", erklärt Thomas Veitschegger, Präsident des Apothekerverbands sowie der Oberösterreichischen Apothekerkammer, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Vorwiegend aus Kostengründen wurden die Produktionsstätten in der Vergangenheit nach und nach aus Europa ausgelagert. Gab es vor fünf Jahren in Deutschland etwa noch 15 Produzenten für die als Schmerzmittel eingesetzten Paracetamolsäfte, so sind es mittlerweile nur noch zwei.

Industrie schraubt zurück

Das ist wohl das Grundübel der Misere. Denn kommt es im Osten zu Problemen, bleiben die Substanzen auch dort. "Arzneistoffe und Hilfsstoffe werden dort produziert, die Medikamente mehrmals verpackt", so der Pharmazeut. Gibt es dabei Unterbrechungen, kommt auch die Logistik ins Schleudern. Wie sich beim Hustensaft zeigt, betrifft dieses Problem nicht nur verschreibungspflichtige Arzneien, sondern auch solche, die apothekenpflichtig, aber nicht rezeptpflichtig sind.

Ein weiterer Grund für die Engpässe ist wohl die Entwicklung während der Pandemiejahre. Durch Maßnahmen wie Schutzmasken und Social Distancing waren es abseits von Covid-19 sehr infektionsarme Jahre, so Veitschegger. Dementsprechend hielt sich der Bedarf an gängigen Arzneimitteln in Grenzen. Doch die Industrie wirft ein Auge darauf und schraubt zurück, wenn die Nachfrage sinkt. "Mit diesem großen Bedarf, wie wir ihn derzeit erleben, hat niemand gerechnet", betont der Apotheker. Dementsprechend leer sind die Regale und die "Apotheker aktuell Mangelverwalter".

Trotz aller Warnungen von Medizinern und Wissenschaftern, dass nach einem Aufheben der Schutzmaßnahmen jegliche Viren wieder freies Spiel hätten und es in wesentlich höherer Zahl zu - auch schweren - Infekten kommen könnte, muss aktuell jongliert werden. Denn unter das Coronavirus in seinen Sub-Ausprägungen haben sich die vormals alljährlichen Influenza-, Erkältungs- aber auch RS-Viren gemischt. Ein Pool, das voller kaum sein könnte.

Der von den Apotheken geforderte Notfallparagraph würde einer Wirkstoffverordnung entsprechen, wie sie zuletzt auch von Gesundheitsminister Johannes Rauch vorgeschlagen worden war. Der Verband der pharmazeutischen Industrie verweist allerdings darauf, dass eine solche das Problem verschärfen könnte.

Konkrete Ansätze

Zurück zur Lage: Schon der Winter 2021/22 hat gezeigt, dass sich bei gelockerten Maßnahmen wieder vermehrt andersartige Infekte zeigen, die auf ein Immunsystem treffen, das monatelang den Unterricht verpasst hat. Diese gesellschaftliche Erfahrung von damals ist nun um eine weitere Erfahrung reicher.

Doch wie damit umgehen? "In der Integrativmedizin gibt es eine Reihe an Arzneien, die den Krankheitsverlauf verkürzen, schwere Symptome lindern und Menschen helfen, Virusinfekte schneller zu überwinden", betont der Internist Thomas Meisermann, auch Vorsitzender der Gesellschaft für Anthroposophische Medizin. Zu erwähnen sind Phytopharmaka wie etwa Echinacea, die Traditionelle Chinesische Medizin mit ihren Kräuterdekokten und Nadeln, die Orthomolekulare Medizin mit ihren Vitaminen und Mineralstoffen, die Mikroimmuntherapie oder die Homöopathie mit ihren potenzierten Arzneien. Das Potpourri an Behandlungsmöglichkeiten kann individuell zusammengesetzt werden.

"Engpässe, Krisen, Medikamentennebenwirkungen und teilweise vorhandener Therapienotstand in der täglichen Praxis lassen sich durch die fruchtbare Zusammenarbeit von konventioneller Medizin ergänzt durch komplementärmedizinische Blickwinkel viel besser bewältigen", betont auch der Allgemeinmediziner mit Schwerpunkt Integrativmedizin Felix Badelt. Er ist auch gewählter Mandatar der "Liste Integrative Medizin" bei der letzten Ärztekammerwahl 2022. Viele Patienten würden sich "eine aufgeschlossene Ärzteschaft" wünschen, betont er.

Thomas Meisermann formuliert konkrete Ansätze, um die Behandlung, vor allem Infekt-Kranker, ressourcenschonend bewerkstelligen zu können. Von Vorteil sei, den Körper quasi selbständig arbeiten zu lassen, aber durchaus mit sanften Methoden für Symptomlinderung zu sorgen. Ein Beispiel: Bei gewöhnlichen Virusinfekten "ist das Fiebersenken, mit Ausnahmen, eigentlich nicht angezeigt", betont der Mediziner.

Fieber und Antibiotika

In der Integrativmedizin ist man bemüht, mit dem Fieber zu arbeiten und nicht dagegen. Denn es ist "eine dienliche Reaktion, die wir als Heilungsversuch des Organismus sehen". Bei Fieber seien die Viren für das Immunsystem besser erreichbar. Temperaturschwankungen, wie sie durch Substanzen wie Paracetamol oder Ibuprofen herbeigeführt werden, führen dazu, "dass sich die Krankheit verlängert und nicht verkürzt", so der Internist. Fiebersenkung führe etwa zu stärkerer Nasenschwellung, zur Unterdrückung der Antikörperbildung, zu einer verlängerten Virusausscheidung und damit bleibe man länger infektiös. Sinn mache ein Senken sehr wohl bei extrem hohen Temperaturen oder bei Menschen mit instabilem Kreislauf, hoher Herzfrequenz oder jenen, die "stark unter dem Fieber leiden".

Viel zu häufig würden auch Antibiotika bei gewöhnlichen viralen Infekten verschrieben. Dass das keinen Sinn macht, ist hinlänglich bekannt, denn Antibiotika wirken gegen Bakterien, aber nicht gegen Viren. Zudem bringen sie "bis zu einem Jahr lang das Mikrobiom ins Ungleichgewicht", erklärt der Internist. Die übermäßige Antibiotikaverabreichung führt nicht nur vermehrt zu Resistenzen, sondern ist auch gefährlich in Zeiten der Knappheit. Die Versorgung von kritisch Kranken muss unter allen Umständen weiter gegeben sein.