Eine sexuelle Präferenz für Kinder in der Vorpubertät oder im frühen Stadium der Pubertät: So definiert der ICD-10-Diagnoseschlüssel zur amtlichen Klassifikation Pädophilie. Rund um die Vorwürfe gegen den Schauspieler Florian Teichtmeister wird die abnorme sexuelle Neigung auch wegen ihrer wissenschaftlichen Vielschichtigkeit intensiv diskutiert. Allgemein gilt Pädophilie zwar als männliches Phänomen, Studien zeigen jedoch, dass auch Frauen diese Neigung empfinden. Zudem werden zahlreiche Missbrauchsdelikte gegenüber Minderjährigen von Menschen ohne pädophile Fantasien verübt.

Doch zunächst zur Begriffsdefinition, die zwei Lager kennt. Eines vertrete den Begriff der Pädosexualität und begründe dies damit, dass das Wort "Pädophilie" aus dem Griechischen übersetzt "Liebe zu Kindern" bedeutet, wodurch Gewaltaspekte verharmlost würden, er", erläutert Elisabeth Wieser von der Sigmund Freud Privat-Universität Wien in einer Studie. "Pädosexualität bezieht sich aber nicht auf das sexuelle Interesse per se, sondern auf das Verhalten, sprich den Missbrauch eines Kindes", sagt Wieser zur "Wiener Zeitung".

Das andere Lager nützt den Begriff Pädophilie für die Neigung und die physische Tat, "doch nicht jeder, der ein Kind missbraucht, ist pädophil und nicht jeder mit einer pädophilen Sexualpräferenz missbraucht Kinder", sagt Wieser. Hierzu warten die deutschen Psychotherapeuten Claudia Schwarze und Gernot Hahn in einem Buch mit dem Titel "Herausforderung Pädophilie" mit schockierenden Zahlen auf. Demnach haben nur etwa die Hälfte der amtlich bekannten Missbrauchstäter eine pädophile Sexualpräferenz. Und das würde bedeuten, dass die andere Hälfte der pädosexuellen Straftäter nicht pädophil ist, sondern Kinder als eine Form der Ersatzbefriedigung benützt. Der deutsche Mediziner Klaus M. Beier bestätigt in einer Studie, dass nicht alle, sondern nur 50 bis 71 Prozent der pädosexuellen Straftäter Pädophilie seien.

Die Motivation für Erwachsene, sexuellen Missbrauch an Kindern als Ersatzhandlung zu begehen, ist unterschiedlich", erklärt Wieser. "Es kann sein, dass sich jemand schwertut, mit anderen Erwachsenen in Kontakt zu treten, oder dass das Kind ein greifbares Opfer ist und sich Täter oft nicht eingestehen, dass sie ihm Schaden zufügen." Und: "Wir wissen nicht, wie oft das tatsächlich passiert. Es muss allein im Familienkreis eine Riesen-Dunkelziffer geben."

Allgemein gilt sexuelles Interesse an Kindern eher als männliches denn als weibliches Phänomen. Allerdings wurde weibliche Pädophilie bisher kaum in Studien berücksichtigt. Ein kanadisches Team um Christian C Joyal von der Universität Québec in Trois-Rivières hat es doch getan. In einer Studie aus dem Jahr 2015 befragten die Forschenden mehr als 1.500 Personen zu ihren sexuellen Vorstellungen. 1,8 Prozent der Männer und 0,8 Prozent der Frauen gaben an, sexuelle Fantasien mit Kindern unter 12 Jahren zu haben. "Wenn wir diese Prävalenz von 0,8 Prozent auf die weibliche Population Österreichs von 4.535.7121 umlegen, kommen wir auf hierzulande 36.286 pädophile Frauen", rechnet Wieser vor.

Wenige Spuren

Da bisher medial eher wenig über weibliche Pädophilie berichtet wurde, muss sich entweder die Tätlichkeit bei Frauen in Grenzen halten, oder ihre Missbrauchstaten werden nur selten zur Anzeige gebracht. In seinem Buch "Weiblichkeit und Perversion" geht Baier außerdem davon aus, "dass sich weibliche Betroffene nicht auf die ,klassische Art‘ ausdrücken, wie etwa in Exhibitionismus oder pädophilem Interesse, sondern sich im Bereich der Fortpflanzung ansiedeln", schreibt der Mediziner.

Wieser berichtet in ihrer Überblicksstudie von angezeigten Missbräuchen an Kindern bei zwei Prozent der Frauen mit pädophilen Neigungen. "Aufgrund von Opferbefragungen geht man aber davon aus, dass dieser Wert im Dunkelfeld um etwa das Sechsfache erhöht ist", erklärt sie.

"Die hohe Dunkelziffer mag daran liegen, dass Frauen seltener angezeigt werden, die Opfer häufig Kleinkinder sind, die Täterinnen wenig Spuren hinterlassen und die Grenzen unscharf sind." Für Manche sei es zudem schwierig, zu sagen, wo ein sexueller Übergriff beginnt, wenn man mit dem Kind kuschelt, sagt Wieser. Häufig fehle das Bewusstsein, dass es sich um Missbrauch handelt. Frauen missbrauchen laut den Auswertungen zehn Mal häufiger Buben als Mädchen. Ebenso ließen Daten beratender und therapeutischer Institutionen sowie Dunkelfeldstudien einen weit höheren Anteil sexueller Gewalttäterinnen vermuten als üblicherweise angenommen.