Wien.

Eingriff bei schlagendem Herzen: Bei "Tavi" ist keine Herz-Lungen-Maschine mehr nötig. Foto:fotolia - © Olga Gabai - Fotolia
Eingriff bei schlagendem Herzen: Bei "Tavi" ist keine Herz-Lungen-Maschine mehr nötig. Foto:fotolia - © Olga Gabai - Fotolia
Von Brustkrebs bis zu Geschwüren im Magen oder im Zwölffingerdarm: Manche Erkrankungen, die früher chirurgische Eingriffe erforderten, sind heute meist mit nicht-invasiven Methoden heilbar.

"Die Zahl der Operationen sinkt. Allein schon aufgrund von Fortschritten in der Arzneimittelforschung und Tumor-Therapie sind viele Sorten von Eingriffen nur noch in Ernstfällen erforderlich", sagt Rudolf Roka, Facharzt für Chirurgie an der Wiener Rudolfstiftung. Beim 52. Chirurgenkongress werden sich von Donnerstag bis Samstag rund 1000 Teilnehmer in Wien über Fortschritte in ihrer Kunst austauschen.

Wer jedoch annimmt, dass demnächst fast ausschließlich verschiedene Instrumente und Mini-Roboter über winzige Öffnungen in den Körper eingeführt werden und dort vom Chirurgen ferngesteuert die Arbeit verrichten, irrt. "Die ,Single Incision Laborotomy funktioniert in manchen Bereichen gut, etwa bei Dickdarm-Eingriffen, weil man die Bauchhöhle aufblasen kann und sich dann dort gut zurechtfindet", erläutert Kongresspräsident Roka. Für andere Körperteile und Organe müsse die Methode jedoch erst ausgelotet werden. "Man darf nicht chirurgische Prinzipien der Kosmetik opfern", sagt der Schilddrüsenspezialist, der sich gegenüber hochinnovativen Methoden in seinem Fachgebiet skeptisch zeigt.

Bei einem Drittel der Operationen an Tumoren der Schilddrüse könnten Knoten durch kleine Schnitte entfernt werden. Bei größeren Knoten helfe aber nur der Schnitt in den Hals, da eine erkrankte Schilddrüse oder ein Tumor nicht durch einen zentimetergroßen Schnitt durch passen. "Neue Methoden, bei denen zur Schilddrüsenentfernung der Mundboden unter der Zunge geöffnet wird, enthalten allerdings ein zu hohes Infektionsrisiko. Ich halte das für chirurgischen Sport", sagt Roka.

Anders ist der Stand der Dinge im Bereich des Herzklappen-Ersatzes. Herzklappen sind wie Ventile, die verhindern, dass das Blut in die falsche Richtung fließt. Am häufigsten erkrankt die Aortenklappe, weil sie dem größten Druck ausgesetzt ist. Mit zunehmendem Alter kann sie degenerieren und schließlich verengen.

Wie ein Segel am Mast


Üblicherweise wird eine kranke Herzklappe über einen 25 Zentimeter langen Schnitt durch den Brustkorb entfernt und durch eine Prothese ersetzt. Aufwendiger ist die minimal-invasive Methode mit einem sieben Zentimeter langen Schnitt zwischen der dritten und vierten Rippe.

Bei der Transkatheter-Herzklappen-Operation am schlagenden Herzen ("Tavi") wird hingegen ausgelotet, welche Patienten dafür in Frage kommen. Die Chirurgen bedienen sich dabei eines biologischen Klappen-Ersatzes aus Herzbeutelgewebe von Rindern. Dieser wird mittels eines Katheters, an dessen Ende sich ein Ballon befindet, über die Leiste oder über die Herzspitze in die wichtigste Pumpe im Menschen eingeschleust. Ist er am richtigen Ort angekommen, bläst sich der Ballon auf, damit die Klappe hält wie ein Segel am Mast eines Schiffes.

"Der Klappenersatz befindet sich auf einem Gerüst aus Stents - Röhren aus Gittermaterial, die mithilfe des Ballons die Gefäße aufspannen und sie durchgängig machen", erklärt Ludwig Müller, Direktor der Universitätsklinik für Herzchirurgie in Innsbruck: "Die degenerierte Herzklappe wird bei dem Prozess zur Seite gedrückt."

Und genau das ist eine der offenen Fragen bei der Methode: "Wir können die eigene Klappe nicht entfernen. Wenn sie verkalkt ist, kann das zu Problemen führen", sagt Winter. Andererseits muss bei "Tavi" das Herz nicht stillgelegt und der Patient an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden. Da alleine das Material für die Prothese 20.000 Euro kostet, kommt die Methode derzeit nur bei Patienten mit erhöhtem Operationsrisiko zum Einsatz. Nach Daten der Österreichischen Gesellschaft für Herzchirurgie wurden 2009 in Österreich 6477 Herzoperationen an Erwachsenen durchgeführt, die Patienten waren im Mittel 66,8 Jahre alt. Die Gesellschaft erstellt derzeit ein österreichisches Register zur Dokumentation der Erwachsenenherzchirurgie.

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