Macht und Ohnmacht liegen eng beisammen. Mohamed ElBaradei, von 1997 bis 2009 Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien, kann ein Lied davon singen. In seiner gut lesbaren Autobiografie bietet der 68-jährige Ägypter einen tiefen Einblick hinter die Kulissen des Geschäfts mit der Atomkraft im Rahmen der Bemühungen zur Nicht-Proliferation von Atomwaffen in der Welt.

ElBaradei gibt stets der Diplomatie den Vorrang vor Sanktionen oder gar dem Einsatz militärischer Mittel gegen ein widerstrebendes Land, das ins Fadenkreuz gekommen ist. Als gelernter Anwalt fühlte er sich stets den belegbaren Tatsachen verpflichtet. Und das galt dann insbesondere als Chef der IAEA. Als internationaler Beamter reiste er in die sogenannten "Schurkenstaaten" Irak, Iran und Nordkorea sowie Libyen. Die Mitarbeiter der IAEA gingen stets "umsichtig, professionell, aber auch hartnäckig und respektvoll" vor, so ElBaradei.

Die IAEA wurde 1957 ins Leben gerufen, um dem atomaren Wettrüsten der damaligen Supermächte USA und UdSSR zu begegnen. Sie sollte als Aufsichtsorgan darüber wachen, dass Atomtechnologie nicht mehr militärisch, sondern nur für zivile Zwecke genutzt werden sollte. Den Anstoß zu dieser Atom-Diplomatie gab 1953 der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower mit seiner Rede "Atome für den Frieden" vor der UNO-Vollversammlung.

Aber gerade auch die USA als eine der Vetomächte im UNO-Sicherheitsrat hemmten die Arbeit der IAEA, wenn diese ihren nationalen Interessen zuwiderlief. Im Vorfeld des Irak-Kriegs 2003 wurde dies nur allzu deutlich, als die Untersuchungsergebnisse der internationalen Inspektoren im Irak durch US-Vizepräsident Dick Cheney in Misskredit gezogen wurden, wie ElBaradei schreibt.

Diese Doppelmoral der Mitgliedsstaaten ist schon im Atomwaffensperrvertrag zu finden, in Form der Asymmetrie der Nuklearmächte und der Nicht-Nuklearstaaten. Deshalb appelliert ElBa-radei an die Vernunft der internationalen Staatenwelt: "Wenn wir nichts gegen das atomare Ungleichgewicht unternehmen, dann wird sich diese Veränderung vermutlich in Form einer massiven Verbreitung von Atomwaffen einstellen oder schlimmer noch in Form von Auseinandersetzungen, bei denen auch Kernwaffen zum Einsatz kommen."

Tickende Zeitbombe


Der aufgedeckte Atom-Schmuggelring des Pakistanis Abdul Kadir Khan macht deutlich, welch tickende Zeitbombe in dieser fortdauernden atomaren Asymmetrie steckt. Khan machte es sich zur Lebensaufgabe, der islamischen Welt die Bombe zu bringen, mit dem israelischen Atomwaffenprogramm gleichzuziehen und nebenbei viel Geld zu verdienen. Die Rolle Israels im Nahen Osten und jene Indiens in Asien seien laut ElBaradei ein Beweis, dass der Aufbau eines Atomwaffenprogramms die Entwicklung weiterer solcher Programme provoziere.

Exportbeschränkungen müssten zwar deutlich verschärft werden, doch seien sie keine endgültige Lösung. Länder werden sich um Nuklearwaffen bemühen, solange ihnen der Besitz Macht und Ansehen verleiht - vor allem diejenigen Länder werden das versuchen, die sich bedroht fühlen. Dieser Teufelskreis müsse zum Wohle und zur Sicherheit aller Menschen durchbrochen werden.

ElBaradei schwebt ein alternatives System kollektiver Sicherheit vor, das in jeder Hinsicht gerecht und umfassen sein müsste. Die Welt müsse erkennen, dass auch Armut eine Massenvernichtungswaffe sei, die es zu entschärfen gelte. Als Wächterin des Atomwaffensperrvertrags könne die IAEA bei der Überwachung der Atomprogramme und der Entdeckung geheimer kerntechnischer Aktivitäten effektiver gemacht werden, wenn sie die erforderliche Unterstützung erhalte.

Solange gerade die mächtigsten Staaten der Erde zu ihrem vermeintlichen Schutz an ihren atomaren Waffenarsenalen festhalten, werde es auch keinen nuklearen Frieden geben, kritisiert der Friedensnobelpreisträger. Doch er bleibt Optimist: Allen Wirrnissen zum Trotz sei eine aufrichtige, langfristig angelegte Atom-Diplomatie in der Lage, die Welt vor der Apokalypse zu bewahren.

Sachbuch

Wächter der Apokalypse

Mohamed ElBaradei

Campus, 366 Seiten, 25,60 Euro