"Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche." Wenn am 12. Juli die Urne von Alfred Adler auf dem Wiener Zentralfriedhof ihre letzte Ruhestätte findet, wissen seine geistigen Nachfahren sehr wohl, wie dieses Zitat von Adlers Zeitgenossen Gustav Mahler zu verstehen ist. Auf ihrem 25. Internationalen Kongress von 14. bis 17. Juli in Wien werden die Individualpsychologen unter dem Generalthema "Trennung - Trauma - Entwicklung" vor allem das Feuer weitertragen, das ihr Gründer vor genau 100 Jahren in dieser Stadt entfachte, als er sich von Sigmund Freuds Psychoanalyse trennte und eine zweite Wiener Schule der Tiefenpsychologie ins Leben rief, die sich seit 1912 Österreichischer Verein für Individualpsychologie (ÖVIP) nennt.

Dass die Urne mit Adlers Asche unlängst in einem schottischen Krematorium aufgefunden und nach Wien gebracht werden konnte, freut viele, besonders auch den Wiener Individualpsychologen und Theologen Arnold Mettnitzer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Wie der Kongress, an dem auch die Enkelin des Gründers, Margot Adler, teilnimmt, stärke es das Wir-Gefühl der Individualpsychologen, wenn nun ihre Gesinnungsgemeinschaft auch an einem Stück Erde in Wien festzumachen sei. Er werde nun nicht nur regelmäßig zum nahegelegenen Grab seines Lehrers Erwin Ringel, sondern auch zu jenem Alfred Adlers pilgern.

Freud Messer, Adler Salbe


Im Wirken von Adler, der 1870 in Wien-Fünfhaus geboren wurde, den Arztberuf ergriff und zunächst Mitarbeiter Freuds war, stach von Anfang an, etwa mit seinem "Gesundheitsbuch für das Schneidergewerbe" (1898), seine soziale Ader und sein leidenschaftliches Bemühen, Menschen in ihren Nöten zu helfen, hervor. Etliche Reformen im "Roten Wien" der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gingen auf Adler zurück, 1934 verließ er Österreich aus politischer Überzeugung, 1937 starb er bei einem Aufenthalt in Aberdeen (Schottland) an einem Herzinfarkt.

Mit der Individualpsychologie gelang Adler, so Mettnitzer, "die Pionierleistung, die untrennbare Ganzheit von Seele, Geist und Körper zu erkennen und dabei davon auszugehen, dass, wenn man am einen dreht, sich auch das andere bewegt". Damit sei er im Grunde der "Vater der Psychosomatik", natürlich auf Freud aufbauend, der sozusagen der Großvater einer psychosomatischen Gesamtkonzeption gewesen sei.