Die homöopathische Apotheke ist ob ihrer Reduziertheit leicht zu verstauen. - © froto - Fotolia
Die homöopathische Apotheke ist ob ihrer Reduziertheit leicht zu verstauen. - © froto - Fotolia

Pseudowissenschaft, Scharlatanerie, Aberglaube, Einbildung, Esoterik - wenn Skeptiker gegen die Alternativ- oder Komplementärmedizin wie etwa die Homöopathie zu Felde ziehen, fahren sie nicht selten mit schweren Geschützen auf.

Es fallen auch Schlagworte wie überteuerte Zuckerkügelchen, wirkstofflose Verdünnungen oder Placeboeffekt - die therapeutische Wirkung nach einer Scheinbehandlung. Homöopathie ist somit die polarisierendste Form der Komplementärmedizin, weil sie auf Prinzipien basiert, die jeglichen Gesetzen der Chemie und Physik trotzen.

Warum fünf Kügelchen Aconitum napellus C30 (blauer Eisenhut) ausreichen sollten, um zum Beispiel Kopfschmerzen zum Verschwinden zu bringen, bei denen andere gleich zum Schmerzmittel greifen, klingt tatsächlich ziemlich geheimnisvoll. Der Mechanismus, der hinter den verdünnten und verschüttelten Substanzen steckt, gibt bis dato Rätsel auf. Manche meinen, homöopathische Medizin würde die Selbstheilungskräfte des Körpers ankurbeln, andere glauben, die erzielten Effekte treten über das sogenannte "Gedächtnis des Wassers" auf.

Gedächtnis des Wassers

Tatsächlich basiert die Grundidee der Hochverdünnungs-Homöopathie auf der Annahme, dass Wasser Eigenschaften hat, die nach wie vor nicht verstanden werden. Versuche am Interuniversitären Kolleg für Gesundheit und Entwicklung in Graz zeigen, dass gelöste Stoffe im Wasser wirken, auch wenn sie nicht mehr vorhanden sind. Wie dessen Leiter Peter Christian Endler erklärt, scheint Wasser "ein Informationsspeicher" zu sein - also ein "Medium, in dem das quantenphysikalisch möglich ist".

Viele internationale Forschungen widmen sich der Frage, inwieweit sich bei homöopathischen Verdünnungen Wirkungen nachweisen lassen. Immer mehr Wissenschafter seien der Meinung, dass es sich dabei nicht um Zufallseffekte handeln kann.

Endler, der bereits seit vielen Jahren an einem Beweis für das Erinnerungsvermögen von Wasser arbeitet, skizziert zwei Modelle, die in den Labors in Graz regelmäßigen Tests unterzogen werden und sich jährlich aufs Neue bestätigen würden. Einerseits arbeitet er mit dem Schilddrüsenhormon Thyroxin, das bei der natürlichen Entwicklung der Kaulquappe eine wesentliche Rolle spielt. Verabreicht man den Tieren zusätzliches Thyroxin - was quasi eine Schilddrüsenüberfunktion vortäuscht -, verkürzt sich die Entwicklungszeit der Kaulquappe. Mit einer homöopathischen Lösung des Hormons - chemisch gesehen reines Wasser - konnte dieser beschleunigte Entwicklungsschritt wieder verlangsamt werden.

Ein ähnliches Prinzip können die Forscher in Graz seit 2007 bei Saatgut mitverfolgen. Das Pflanzenhormon Gibberellinsäure beschleunigt in molekularer Form Wachstumsprozesse des Weizens, in homöopathischer Form verlangsamt es hingegen die Saatgutentwicklung.

Weitere Forschungsanstrengungen auf dem Gebiet seien notwendig, betont Endler. "Nur weil man etwas nicht versteht, heißt es nicht, dass man es nicht erforschen oder verwenden sollte."

Richtiger Befehl gibt Impuls

Dass in einem hochverdünnten Präparat absolut kein Wirkstoff mehr nachweisbar ist, ruft regelmäßig die Kritiker auf den Plan. Das homöopathische Medikament "gibt einen Impuls, wie wenn man in einen PC den richtigen Befehl eingibt", erklärt jedoch der Allgemeinmediziner und Homöopath Walter Glück. Und auf einer CD finde man auch keine Hinweise, ob sie bespielt ist. Der Mediziner gibt zu, dass es noch zu wenig Nachweise gibt, aber wissenschaftliche Studien nach den Gesetzen der Schulmedizin ließen sich bei individuellen Therapien wie in der Homöopathie schwer anwenden. "Am Menschen kann man keine Doppelblindstudie machen. Das Mittel muss wie ein Schlüssel ins Schloss passen."

Und so erhält auch nicht jeder Patient bei ein und derselben Diagnose das gleiche Mittel, sondern das auf den individuellen Zustand abgestimmte. Der Arzt erfasst die Gesamtheit der Symptome nach Ursachen, lokalem Auftreten, Begleiterscheinungen oder Zeitpunkt des Leidens - zum Beispiel nur nachts - und versucht, das passendste Mittel dagegen zu finden. Heutzutage stehen etwa 2000 Mittel zur Verfügung - zur Zeit Samuel Hahnemanns waren es 150.

Der deutsche Arzt Samuel Hahnemann hatte im Jahr 1776 die Homöopathie begründet, indem er die sogenannte Ähnlichkeitsregel formulierte: "Similia similibus curentur" - Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden. Demnach tritt die Heilung eines Leidens dann ein, wenn das ausgewählte Mittel eine genaue Übereinstimmung zum Krankheitsbild bietet. Glück erklärt es im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" folgendermaßen: "Die Erstwirkung von Kaffee zeigt sich in den meisten Fällen als Schlafstörung, Euphorie oder Schweißausbruch. Ähnelt nun ein Symptom - wie etwa die Schlafstörung - jenem nach dem Konsum von Kaffee, dann wird Coffea C30 das Mittel der Wahl sein."

Die Erforschung der Wirksamkeit der Mittel erfolgt am gesunden Menschen durch die sogenannte Arzneimittelprüfung. Dabei wird ein homöopathisches Medikament von einer Gruppe von Testpersonen eingenommen, die Summe der dabei auftretenden Beschwerden beobachtet, aufgeschrieben und systemisch bewertet. Dies führt zu Arzneimittelbildern der Substanzen, die den Homöopathen in ihrer Summe quasi als Nachschlagewerk dienen.