Wien.

Besonders in ärmeren Ländern ist es nicht leicht, zwei Babys auf einmal ernähren zu müssen. - © © Liba Taylor/CORBIS
Besonders in ärmeren Ländern ist es nicht leicht, zwei Babys auf einmal ernähren zu müssen. - © © Liba Taylor/CORBIS
(est) Während die meisten Tier-Weibchen mehrere Junge gleichzeitig werfen, scheinen Zwillingsgeburten für Menschen auf den ersten Blick eher von Nachteil zu sein: Immerhin haben die Eltern gleich zwei Kinder zu ernähren und großzuziehen. Für ihre Geschwister könnten Zwillinge jedoch Vorteile bringen, zeigt eine britische Studie.

Vor allem in Entwicklungsländern sind Zwillingsgeburten häufig mit Komplikationen verbunden. Die Neugeborenen sind meist kleiner, leichter und schwächer als andere Babys. Warum also hat die Evolution Zwillinge hervorgebracht? In Gambia stationierte Wissenschafter des U.K. Medical Research Council sind der Frage nachgegangen. Ihren Erkenntnissen zufolge sind alle weiteren Kinder, die Mütter von Zwillingen zur Welt bringen, überdurchschnittlich groß und schwer. Dadurch haben sie eine größere Überlebenschance.

Im Zuge eines Hilfsprogramms für Gambia hat der britische Rat für Medizinische Forschung entsprechende Daten seit den 1950er Jahren zusammengetragen. "Die Aufzeichnungen sind ausnehmend vollständig für eine Bevölkerung ohne ausreichenden Zugang zu ärztlicher Versorgung", so die Evolutionsanthropologin Rebecca Sear von der Universität Durham zu der im Fachjournal "Biology Letters" veröffentlichte Studie.

Der Evolutionsbiologe Ian Rickard von der Universität Sheffield und sein Team hatten das Geburtsgewicht von 1889 Neugeborenen festgehalten, die in Gambia während der vergangenen 30 Jahre zur Welt gekommen waren. Weiters notierten die Forscher jene Mütter, die auch Zwillinge geboren hatten. Die Auswertungen ergaben, dass Babys, die nach Zwillingen zur Welt gekommen waren, im Schnitt um 226 Gramm schwerer waren als jene ohne Zwillingsgeschwister.

Allgemein wird angenommen, dass Zwillingsschwangerschaften die Durchblutung in der und die Blutzufuhr zur Gebärmutter erhöhen. Der Uterus wird so auf weitere Geburten vorbereitet, weil er Nährstoffe leichter aufnehmen kann. Überraschend war für die Forscher allerdings, dass auch Geschwister, die vor den Zwillingen auf die Welt kamen, schwerer waren als andere Neugeborene - um durchschnittlich 134 Gramm.

Laut Rickard schaffe die Evolution ein Gleichgewicht zwischen dem Nachteil der kleineren, schwächeren Zwillinge und dem Vorteil der größeren, kräftigeren Geschwister, die zudem gesünder waren als Kinder ohne Zwillingsgeschwister. Dem Evolutionsbiologen zufolge könnte ein Protein namens IGF-1 dem Phänomen zugrunde liegen. Dieses Eiweiß im Blut kann die Eierstöcke veranlassen, mehrere Eizellen auf einmal freizusetzen, was die Chancen auf eine Mehrlingsschwangerschaft erhöht. IGF-1 reguliert zudem das Wachstum des Fötus im Mutterleib. Für Gary Steinman, Professor für Geburtshilfe und Biochemie am Touro College in New York, trifft die These den Nagel auf den Kopf: "Auch bei Kühen mit einer hohen Konzentration des Eiweißes im Blut ist die Wahrscheinlichkeit, Zwillinge zu bekommen, größer", betont er im Fachjournal "Science". Um die Wirkung genauer zu erforschen, müssten auch der Grad des Wohlstands und Umweltfaktoren mit einbezogen werden.