Wien.

Die Struktur eines Herpesvirus. - © © MedicalRF.com/Corbis
Die Struktur eines Herpesvirus. - © © MedicalRF.com/Corbis
(gral) Eine bestimmte Form der Herpesviren kann die Blut-Hirn-Schranke durchdringen und im Gehirn neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose (MS) auslösen. Als Eintrittspforte ins Gehirn dient den Viren die Nase, wie amerikanische Forscher um Erin Harberts vom National Institute of Neurological Disorders and Stroke in Maryland in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften berichten.

Normalerweise sind die Gehirnzellen durch die Blut-Hirn-Schranke vor schädlichen Eindringlingen wie Krankheitserregern, Toxinen oder Botenstoffen geschützt. Sie dient quasi als physiologische Barriere zwischen dem Blutkreislauf und dem Zentralnervensystem. Sie stellt außerdem einen hochselektiven Filter dar, über den die vom Gehirn benötigten Nährstoffe zugeführt und die entstandenen Stoffwechselprodukte wieder abgeführt werden.

Diese Schutzfunktion erschwert allerdings auch die medikamentöse Behandlung einer Vielzahl neurologischer Erkrankungen.

Die Wissenschafter haben in ihrer Studie Humane Herpesviren des Typs 6 (HHV-6) in der menschlichen Nasenhöhle nachgewiesen und konnten nun belegen, dass diese Viren sich dort in bestimmten Zellen aktiv vermehren. Sie konnten den Verlauf einer HHV-6-Infektion nachvollziehen, indem sie Autopsieproben von MS-Patienten und Gesunden nach Spuren dieses Krankheitserregers durchsuchten. Dabei wurden sie nicht nur im Gehirn selbst, sondern eben auch im Nasenraum fündig.

Harberts und seine Kollegen stellten fest, dass die Viren zwar in sämtlichen Regionen des Gehirns auftreten können, aber vor allem in dessen Riechzentrum zu finden sind. Zwar wusste man bislang, dass sich etwa Influenza- und Tollwutviren ihren Weg durch die Nase ins Zentralnervensystem suchen, doch bei Herpesviren war das bis dato noch nicht angenommen worden.

Mehr als 40 Prozent der entnommenen Gewebeproben hätten die Herpesviren enthalten, wobei aber kein Zusammenhang mit der Erkrankung der Versuchspersonen herzustellen war, berichten die Wissenschafter.

Das Forscherteam hat überdies nachgewiesen, dass sich die HHV-6 in Kulturen aus einem bestimmten Zelltyp der Nasenhöhle vermehren lassen. Harberts nutzte die sogenannten olfaktorischen Hüllzellen (OECs), die das Wachstum neuer olfaktorischer Nervenzellen fördern, um die Viren im Labor erfolgreich zu züchten.

Die OECs umschließen für gewöhnlich die faserartigen Fortsätze - die sogenannten Axone - der Nervenzellen und geleiten sie so von der Nasenhöhle in das Gehirn weiter. Die Wissenschafter kommen daher zu dem Schluss, dass die Herpesviren die OECs wahrscheinlich als eine Art Transportmittel nutzen, um mit deren Hilfe die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden.

Mitbringsel aus der Kindheit

Das Herpesvirus namens HHV-6 erwirbt man zumeist schon in der Kindheit via Tröpfcheninfektion, erklärt der amerikanische Neurovirologe Steven Jacobson. Einer der ersten Ausbrüche äußert sich oft in sehr jungen Jahren - nämlich bis zum zweiten Lebensjahr - als Dreitagesfieber (Roseola), begleitet durch hohes Fieber und einen Hautausschlag.

"Die meiste Zeit ist es absolut ungefährlich", betont Jacobson: Allerdings könne HHV-6- eben auch schwerwiegende Erkrankungen, wie etwa Gehirnhautentzündung, Parkinson und bestimmte Formen der Epilepsie, hervorrufen, deren Behandlung schwierig ist. So sind zwar viele Mittel auf dem Markt, doch deren Wirkung nicht immer überzeugend. Die Forscher hoffen, aufgrund der neu gewonnenen Informationen Therapien zu finden, um das Virus effektiv bekämpfen zu können, schreiben sie in den "Proceedings". Ebenso können die Wissenschafter jetzt auch nach anderen Viren Ausschau halten, die auf die gleiche Art und Weise den Weg durch die Nase nutzen.