Marne/Holstein.

Wenn man nur aufhören könnte... - © www.BilderBox.com
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Vielen ergeht es so. Man sitzt abends vor dem Fernseher und greift in die Tüte mit Kartoffelchips, Erdnussflips, Salzstangen oder Nachos. Doch dann kann man nicht mehr aufhören und kommt erst wieder zur Ruhe, wenn die Tüte restlos leer ist. Diese Gier nach Salzigem hat nicht nur eine gewisse Ähnlichkeit mit der Drogensucht. Beides hängt sogar eng miteinander zusammen. Das haben kürzlich die Neurobiologen Wolfgang Liedtke (Duke Universität in South Carolina) und Derek Denton (Universität Melbourne) herausgefunden. Sie berichteten darüber im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS).


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Website Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences"
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Menschen brauchen zum Überleben zumindest einige Gramm Kochsalz pro Tag. Denn diese Substanz spielt eine Schlüsselrolle für den Wasserhaushalt, das Nervensystem, die Verdauung und den Knochenaufbau. Also hat die Evolution den Menschen nicht nur mit einem Geschmackssinn ausgerüstet, der auf das Erkennen von Salzigem ausgerichtet ist, sondern auch mit instinktiver Lust auf Salziges.

Was es mit dieser Lust auf sich hat, haben Liedtke und Denton eingehend erforscht. Sie setzten Mäusen und Ratten eine extrem salzarme Kost vor und riefen dadurch bei ihnen einen Heißhunger auf Salz hervor. Andere Mäuse und Ratten wurden in den gleichen Zustand versetzt, indem man ihnen das Hormon ACTH verabreichte. Anschließend analysierten die Forscher, was dabei in den Gehirnen der Nager vorging. Es zeigte sich, dass das Salzdefizit die Aktivierung bestimmter Gengruppen im Hypothalamus auslöste - jenes Areals im Zwischenhirn, das für die Regulierung des Energie-, Wasser- und Salzhaushalts zuständig ist, das die Atmung, den Herzschlag, die Körpertemperatur, den Schlaf, die Sexualität und Hunger und Durst steuert und das außerdem das Belohnungssystem beherbergt.

Durften die Tiere wieder Salz zu sich nehmen, kam es im Belohnungssystem zu einer Ausschüttung von Dopamin, des Botenstoffs, der das angenehme Gefühl der Befriedigung erzeugt. "Schon früher haben einige Wissenschafter vermutet, dass die Drogensucht Schaltkreise alter Instinkte nutzen könnte. Mit unserer Studie haben wir demonstriert, dass ein klassischer Instinkt, der Hunger nach Salz, die neuronale Organisation liefert, die von der Sucht nach Opiaten und Kokain zweitverwertet wird," sagt Derek Denton.

Liedtke und Denton haben schließlich herausgefunden, dass diejenigen Gengruppen, die bei akutem Salzmangel in Aktion treten, genau die gleichen sind, die bei der Sucht nach Opiaten und Kokain mobilisiert werden. Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass diese Suchtformen auf archaischen Schaltkreisen im Gehirn beruhen. Liedtke glaubt, dass diese neuen Erkenntnisse erklären können, warum herkömmliche Drogentherapien so häufig versagen. In seinen Augen lassen sich die schlimmsten Süchte am ehesten dadurch überwinden, dass sie durch weniger schädliche und leichter zu kontrollierende ersetzt werden - beispielsweise, indem man Methadon verschreibt.

Und Denton fügt hinzu: "Auch wenn Instinkte neuronale Programme sind, können sie durchaus durch Lernen verändert werden." Im Übrigen ist Liedtke der Auffassung, dass die Schaltkreise, die an der Drogenabhängigkeit schuld sind, auch an der Entstehung einiger Ess-Störungen beteiligt sein dürften. "Bei Chips spielen natürlich auch andere Faktoren eine Rolle, wie etwa Fett, Aromen und die Textur des Lebensmittels. Aber Studien an Mäusen weisen darauf hin, dass es tatsächlich eine Art Sucht nach salziger Kost gibt. Ob das auch für Menschen zutrifft, wissen wir noch nicht."