Über die Menge der diversen Säugetiere weiß der Mensch mittlerweile ganz gut Bescheid. Bei den Insekten sieht es hingegen anders aus. - © BilderBox
Über die Menge der diversen Säugetiere weiß der Mensch mittlerweile ganz gut Bescheid. Bei den Insekten sieht es hingegen anders aus. - © BilderBox

Es gibt Fragen, die bei vielen Diskussionen ständig im Hintergrund lauern, selbst aber kaum je explizit erörtert werden. Das kann viele Gründe haben. Einer davon ist fraglos, dass schon die Suche nach einer Antwort in ein Gebiet führt, in dem weithin akzeptierte Tabus berührt werden. Im gegenwärtigen intellektuellen Klima stößt man auf solche Fragen immer wieder auch in Gesprächen mit Menschen, welche von umweltethischen Fragen begeistert sind, wobei es vor allem unter Geisteswissenschaftern als endgültig ausgemacht gilt, dass man vor quantitativen Angaben in ethisch relevantem Kontext gar nicht eindringlich genug warnen kann. Dabei sind quantitative Angaben doch für jeden Versuch, sich auf die reale Welt ernsthaft einzulassen, um sie in eine gewünschte Richtung zu verändern, unumgehbar.


Links
Peter Markl unterrichtete an der
Universität Wien Analytische Chemie und Methodik der
Naturwissenschaften. Er ist Mitglied des Konrad Lorenz Instituts für
Evolutions- und Kognitionsforschung und Mitglied des Kuratoriums des
Europäischen Forums Alpbach.
wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Es ist dennoch nicht zu leugnen, dass vieles, das man aus ethischen Gründen für wünschenswert hält, nicht sinnvoll quantifiziert werden kann, und dass zu viele Naturwissenschafter zu oft der Versuchung erliegen, durch die Angabe von Zahlen (ohne Beifügung ihrer Unsicherheit) den Eindruck präzisen Wissens zu vermitteln. Eine kritische Diskussion der Genese dieser Zahlen - oft schon lange, bevor man sich in Details verheddert - kann leicht einsichtig machen, dass solche windigen Angaben eigentlich einem ethisch nicht vertretbaren Täuschungsmanöver gleichkommen. Gegen diese Versuchung sind natürlich auch bioethisch Motivierte nicht gefeit.

Über die Menge der diversen Säugetiere weiß der Mensch mittlerweile ganz gut Bescheid. Bei den Insekten sieht es hingegen anders aus: hier eine Holzschnake (Tanyptera atrata).
Über die Menge der diversen Säugetiere weiß der Mensch mittlerweile ganz gut Bescheid. Bei den Insekten sieht es hingegen anders aus: hier eine Holzschnake (Tanyptera atrata).

Fragwürdige Zahlen


Eine Frage, die schon eine aufgeweckte, biologisch sensibilisierte Fünfzehnjährige stellen könnte, tritt immer wieder inmitten all der Predigten über die Artenvielfalt auf: Für die Zahl der heute lebenden Spezies werden unglaublich große Zahlen (ohne Angabe ihrer Unsicherheit) genannt, oft verbunden mit schauererregend großen Prozentsätzen (natürlich wieder ohne Unsicherheitsangabe), welche illustrieren sollen, wieviel Prozent davon durch die Hybris der Menschen aussterben werden. Wie befriedigend ist es aber wirklich, hören zu müssen, dass - den besten bis vor kurzem verfügbaren Abschätzungen zufolge - heute zwischen drei und 100 Millionen Spezies leben - also Lebewesen, deren Zellen einen Zellkern haben ("eukaryotische Zellen" in wissenschaftlicher Terminologie)?

Der für solche Fragen führende Experte ist Robert May, Lord May of Oxford, der so viele akademische Ehren empfangen hat, dass man sie hier gar nicht alle aufzählen kann. Er ist ein aus Australien stammender, heute in Oxford lehrender theoretischer Ökologe. Seiner Ausbildung nach ist er theoretischer Physiker, mittlerweile aber zur Biologie konvertiert - und mit allen Auszeichnungen dekoriert, die es für sein Fach gibt: dem Crawford-Preis der Schwedischen Akademie der Wissenschaften (äquivalent einem Nobelpreis, den es für Biologie ja nicht gibt), dem italienisch-schweizerischen Balzan Preis (verliehen für wichtige Beiträge zur Biodiversität) und dem japanischen Blue Planet Preis (für die Entwicklung von Werkzeugen zur Planung von Maßnahmen zum ökologischen Artenschutz).

Mathematische Modelle


Der von vielen Wissenschaftern auch persönlich verehrte Lord May war von 1995 bis 2000 Hauptwissenschaftsberater der englischen Regierung und ist Mitglied von deren Beirat für Fragen des Klimawandels. Er hat immer wieder in populärwissenschaftlichen Beiträgen zu heißen Themen Stellung genommen, zum Beispiel in dem Essay "Ökologie für Banker", in dem er diese Branche auf mathematische Modelle von Ökosystemen aufmerksam machte, mit deren Hilfe durchgespielt wurde, wie man aufgrund der formalen Ähnlichkeit des weltweit vernetzten globalen Ökosystems mit den ebenso global vernetzten Finanzmärkten erkunden kann, unter welchen Bedingungen systemimmanente Fehler dazu führen können, dass solche dynamischen Systeme aus anscheinend stationären Zuständen in viel riskantere Zustände kippen.

Als 1991 das große Darwin-Jahr gefeiert wurde, nahmen das die Taxonomen - also die Spezialisten für die systematische Benennung und Registrierung von Arten - zum Anlass, eine weitere Zwischenbilanz der Klassifizierung und Registrierung der Spezies auszuarbeiten. Auch damals hat Robert May das Ergebnis in der Zeitschrift "Science" kommentiert. Er widmete sich dabei explizit der Unsicherheit der Daten und ging im Besonderen auf den Missbrauch unsicherer Daten - vor allem bei den Angaben zum Artensterben - ein. Damals hatte die Internationale Union für Naturschutz (IUCN) lauthals proklamiert, dass 20 Prozent aller Säugetiere und 12 Prozent aller Vögel ernsthaft vom Aussterben bedroht seien.

Verschiedene Arten sind allerdings nur in sehr unterschiedlichem Ausmaß bekannt und registriert worden. Im Jahr 1991 waren wahrscheinlich 90 Prozent aller Pflanzen erfasst. Gut steht es auch um die Registrierung aller Vögel und Säugetiere, schon etwas weniger gut um die anderen Wirbeltiere. Das ganz große Problem sind die Insekten. Auf der Roten Liste der IUCN fand man dann 1991 unter den bereits registrierten Arten nur 0,06 Prozent der Insekten, die man damals aufgrund mehr oder minder fragwürdiger Extrapolationsmethoden für existent ansah.