Wien. Wenn Menschen an Essstörungen leiden, dann steht nicht immer ein schlanker Körper im Vordergrund. "Die Essstörung ist ein Symptom für tiefer liegende Probleme", erklärte Psychotherapeutin Anna Wexberg-Kubesch. Und diesen gilt es auf den Grund zu gehen. "Wir wissen nicht, wenn wir jemanden mit dieser Krankheit sehen, was die Ursache dahinter ist", so die Expertin. Meist seien frühe Gewalterfahrungen, sexuelle Gewalt, Leistungsdruck, das jeweils herrschende Frauenbild oder kulturelle Vorstellungen von Körper und Geschlecht in Verbindung mit Essstörungen zu sehen.

"Vielmehr geht es um die Frage, wie selbstbestimmt ein junges Mädchen oder eine junge Frau in der Gesellschaft sein kann", sagte Wexberg-Kubesch. Das Problem müsse als Krankheit bezeichnet werden und nicht als Laune. Für viele Frauen ist ihr eigener Körper die naheliegendste Möglichkeit, sich individuell auszudrücken, so die Expertin. "Auf meinen Körper kann niemand außer mir Einfluss nehmen." Es gebe keinen allgemeingültigen Grund, warum jemand an Essstörungen leidet. "Es liegt viel mehr in der persönlichen Disposition, wie stark oder wie schwach fühl' ich mich." Und: Nur weil jemand sein Essverhalten ändert, ist damit nicht automatisch die Frage nach dem ursprünglichen Auslöser beantwortet.

Auf das Zusammenspiel kommt es an
Eine Pauschaltherapie gebe es nicht, viel mehr sei ein Zusammenspiel eines gesamten Netzwerkes wichtig: praktischer Arzt, Familie, Psychiater, Psychotherapeut und eine Klinik mit Kinder- und Jugendpsychosomatik. "Ernährungsexperten sind sinnvoll und wichtig, aber sie werden erst zu einem bestimmten Zeitpunkt der Behandlung relevant", so Wexberg-Kubesch. "Um es krass auszudrücken: Wenn jemand pro Tag an einer halben Karotte und einem Salatblatt knabbert, braucht er keinen Ernährungsberater. Das kommt erst im letzten Drittel der Therapie, um den Betroffenen klar zu machen, was brauche ich?, was kann ich streichen? oder wozu ist Fett gut?", erklärte Wexberg-Kubesch. "Außerdem wissen Menschen mit Essstörungen wahnsinnig gut Bescheid, was es mit jedem einzelnen Lebensmittel auf sich hat, wieviel Kalorien es hat."

Viel Informationen holen sich Betroffene auch über das Internet. Foren, in denen sich Personen mit Essstörungen austauschen, sind Fluch und Segen. "Es ist für diese Menschen wichtig, zu wissen, dass sie nicht allein sind, und sich als Teil einer Gruppe fühlen." Andererseits könne das Problem dadurch noch verstärkt werden. Wexberg-Kubesch meint damit Foren, die sich der sogenannten Pro-Ana-(Pro-Anorexia-) bzw. Pro-Mia-Bewegung (Pro-Bulimie-Bewegung) "verschworen" haben. In diesen Kreis komme nicht jeder, Neo-Mitglieder müssten zunächst das Vertrauen der anderen gewinnen.

Radikale Gewichtsabnahme unter Druck
In Anlehnung an die Zehn Gebote oder sogenannten Ana-Psalms animieren sie sich dann zum gegenseitigen "Dünnsein". Als Vorbild dienen skelettartige Frauen, deren Fotos mit Fotoshop-Tricks aber oft verfälscht wurden. Mit Symbolen wie Elfen oder Schmetterlinge werde ihnen Leichtigkeit, aber auch Kindlichkeit vorgespielt. Ana- und Mia-Anhänger erkennen einander mit Geheimnamen oder Armbändern.

"Ich habe einmal versucht, in eines dieser Foren einzusteigen, es ist mir nicht gelungen. Für mich war es gesperrt, weil die Betroffenen unter sich sein wollen", so Wexberg-Kubesch. Die Forumsmitglieder würden sich gegenseitig noch unter Druck setzen, um die Gewichtsabnahme noch radikaler zu betreiben. "Gäbe es diese Foren nicht, würden sie sich auf anderem Weg Informationen holen. Auch vor dem Internet haben Frauen gewusst, wie sie sich zu Tode hungern. Verbote sind hier nichts Heilsames."

Eine neue Art von Essstörung, gefördert von den Medien, sei der Zwang "ganz, ganz, ganz gesund zu essen" und dabei nur ganz bestimmte Lebensmittel zu sich zu nehmen - auch Orthorexia nervosa genannt. "Auch hier steht ein anderes Thema dahinter." Berichte über die "Gefährlichkeit des Essens" verunsichere die Konsumenten. "Geschichten über gentechnisch manipulierte Lebensmittel, verseuchte Milch aus Tschernobyl, verstrahltes Essen aus dem Erdbebengebiet in Japan, über die Schlachtung von Tieren - das löst große Verunsicherung bei Menschen aus." Das innere Bild, dass Essen etwas Beruhigendes, Sicheres und Tröstliches ist, hätten Betroffene nicht mehr vor sich und der eigentliche Hintergrund - der Zwang zur Kontrolle - komme zum Tragen.