Tübingen. (dpa) Ihre gute Nase hat den modernen Menschen in ihrer Entwicklung offenbar mehr geholfen, als man bisher dachte. Im Vergleich zum Neandertaler hätten Menschen einen sehr viel feineren Sinn für Gerüche, schreibt eine Forschergruppe in der Fachzeitschrift "Nature Communications". Das liege vor allem daran, dass Geruchsinformationen im menschlichen Gehirn besser verarbeitet werden könnten. Der ausgeprägte Geruchssinn habe den Menschen wohl geholfen, Mitglieder ihrer Familie und ihrer Gruppe wahrzunehmen und so ein starkes Sozialverhalten zu entwickeln, sagt die Tübinger Paläoanthropologin Katerina Harvati. Das sei in der Evolution ein großer Vorteil gewesen.

Die Gehirne von Menschen und Neandertalern sind ähnlich groß. Mit Hilfe fossiler Schädel gelang es den Wissenschaftern nun, im Computer die Gehirnformen von Neandertalern und ihren menschlichen Zeitgenossen zu rekonstruieren. Dabei erwiesen sich die für Geruchsinformationen zuständigen Hirnstrukturen beim Menschen als etwa zwölf Prozent größer als beim Neandertaler.

"Im Gegensatz zu anderen Säugetierarten wurde das Geruchsvermögen bei Primaten und Menschen bisher als ein relativ unbedeutender Wahrnehmungssinn angesehen", sagte Harvati. Das habe sich nun geändert. Der Geruchssinn ist uralt und wichtig für die Entwicklungsgeschichte der Wirbeltiere. Während andere Sinneseindrücke erst durch einen Filter müssen, gelangen Geruchswahrnehmungen unmittelbar ins Gehirn: Die Riechnerven reichen vom Gehirn direkt in die Nase. Außerdem werden Gerüche in der gleichen Gehirnregion wie Gefühle, Ängste, Vergnügen und Erinnerungen verarbeitet. "Dies erklärt, warum bestimmte Gerüche sofort starke Gefühle in Bezug auf vergangene Ereignisse oder bestimmte Personen hervorrufen", erklärte Harvati.