Auch während der deutschen Okkupation der Tschechoslowakei im Zweiten Weltkrieg drohte all jenen, die gegen ihre Besatzer aufbegehrt hätten, die Hinrichtung. Das kommunistische Regime der 60er und 70er Jahre in Prag sei dagegen schon etwas müder geworden, so Kohout zur "Wiener Zeitung". Da ihnen nunmehr "nur" die Inhaftierung drohte, starteten Intellektuelle mit der "Charta 77" eine Petition und Bewegung für Menschenrechte, die schließlich zum Zentrum der Opposition wurde.

Autonomie und Freiheit

"Es gibt auch Systeme, die der Bevölkerung garantieren, dass sie gut leben können, solange sie sich politisch nicht einmischen: keine Arbeitslosigkeit, kein großer Unterschied zwischen Arm und Reich, und das mit Sicherheit. Wenn sich ein Volk für diese Form von Sicherheit entscheidet, ist die Diktatur natürlich bequemer. Wer aber lesen und sagen möchte, was er will und denkt, muss für Autonomie und Freiheit kämpfen", sagt Kohout. Manchmal würde das Sicherheitsdenken gar zur Ideologie. So seien viele Bürger der DDR eigentlich der Meinung gewesen, sie hätten es besser als der Westen.

"Die Frage von Freiheit versus Sicherheit bestimmt die Ausrichtung von Gesellschaftsformen wesentlich. In westlichen Demokratien ist der tragende Gedanke die Freiheit, in links-totalitären Gesellschaften ist es die Sicherheit", betont Ruhs. Beides gleichzeitig ist nicht zu haben.

"Durch Autonomie werden Selbstsicherheit und Selbstverantwortung erworben zum Preis von Angst. Denn dann ist man weitgehend auf sich selbst gestellt", sagt der Psychoanalytiker. Aus der Angst vor dem Fremden könne einerseits eine ablehnende Haltung gegenüber Andersartigkeit entstehen, andererseits die Lust auf Neues. Werden wir also Fremdenhasser oder Afrikaforscher? "Wofür sich eine Gesellschaft entscheidet, hängt davon ab, wie die reiferen gegenüber den unreiferen Anteilen in ihr verteilt sind", sagt Ruhs. Je autonomer man wird, desto mehr schiebt man die Sicherheit in den Hintergrund und verlangt nach Neuem, und desto mehr macht Veränderung Freude. In diesem Sinn: Ein spannendes neues Jahr.