Auch Vögel in anderen Klimazonen machen Pigmente zu schaffen. Sogar die Melanine, die braune und schwarze Farbtöne hervorbringen, sind nicht harmlos - sie bestehen aus toxischen Phenolkörpern. Also werden die Melanine in die Federn befördert, wo sie nicht viel Schaden anrichten können. Oft fällt auch mehr Eiweiß an, als die Vögel verbrauchen können. Es abzubauen, kostet viel Energie, und beim Abbau von schwefelhaltigen Aminosäuren kann sich zudem gefährlicher Schwefelwasserstoff bilden. Die Vögel schaffen sich das überschüssige Eiweiß samt des Giftmülls vom Hals, indem sie sich regelmäßig mausern. Reichholf vermutet sogar, dass die Evolution die Vogelfeder nicht als Flugapparat erfunden hat, sondern um überschüssiges Eiweiß und schädliche Eiweißbestandteile aus dem Körper zu entfernen.

Ausgeglichene Bilanz


Übrigens deutet einiges darauf hin, dass der Mensch sein Fell nicht zur Gänze abgelegt hat, um in den übrig gebliebenen Haaren giftige Stoffwechselprodukte unterbringen zu können. Im Zentrum dieser Theorie steht eine weitreichende Schlussfolgerung: Bei den Vögeln besteht zwischen dem Stoffwechsel der Weibchen und dem der Männchen immer eine ausgeglichene Bilanz. Was etwa die Pfauenhennen an Baustoffen in Form von Proteinen für die Erzeugung von Eiern aus ihrem Körper abgeben, das ist mit den Stoffen äquivalent, die in den Prachtgefiedern der Pfauenhähne stecken. Dasselbe gilt nach Reichholf für die Energiebudgets der Geschlechter. So verschlingt die Erzeugung der Eier genau so viel Energie wie die Herstellung der Federn des Rades. Und die Energiemenge, die die Pfauenhenne investieren muss, um ihr Gelege zu bebrüten, entspricht exakt der Energiemenge, die der Hahn aufbringen muss, um seine Schmuckfedern zum Rad aufzustellen und sie rascheln zu lassen.

Ähnlich verhält es sich mit etlichen anderen Vogelarten. Dass manche Vögel sich ein Prachtgefieder zulegen, während andere sich auf eine Schaubalz oder auf die Gesangskunst spezialisieren, sei davon abhängig, aus welchen Bestandteilen sich die Nahrung zusammensetzt. Reichholf ist sich sicher, dass es für all dies auch Parallelen in der Welt der Säugetiere gibt: Demnach entspricht das Prachtgeweih des Hirschbocks in seinem Kalziumphosphat-Gehalt exakt dem, was die Hirschkuh zum Aufbau der Knochen ihrer Kälber investieren muss. "Männliches Brunftgehabe wäre somit geradezu ein physiologisches Abbild der weiblichen Schwangerschaft." Ob die Theorie tragfähig ist, lässt sich jedenfalls leicht empirisch überprüfen.