Bristol/Wien.

Der Hahn gibt seit je her den Ton an. Und beim Menschen hat der Mann schon länger das Sagen als angenommen. - © phil82 - Fotolia
Der Hahn gibt seit je her den Ton an. Und beim Menschen hat der Mann schon länger das Sagen als angenommen. - © phil82 - Fotolia
(est) Wer in einem bestimmten Landstrich aufwächst und sich ausschließlich von Lebensmitteln aus der Gegend ernährt, ist anders geprägt als jemand aus der Nachbarregion, der zu sich nimmt, was dort wächst. Spuren von Nahrung lagern sich im Körper ab. -sterreichische und britische Wissenschafter haben nun über Analysen von Skeletten und Zähnen herausgefunden, dass nicht nur soziale Unterschiede, sondern auch die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern viel älter ist als angenommen.

Die Forscher um Alexander Bentley von der University of Bristol und Maria Teschler-Nicola vom Naturhistorischen Museum Wien haben die Herkunft von Menschen aus mehr als 300 frühsteinzeitlichen Gräbern in Tschechien, Deutschland, der Slowakei, -sterreich und Frankreich analysiert. Die Ergebnisse, die in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlicht sind, beruhen auf Strontiumisotopen-Analysen der Skelette und Zähne von Menschen der Linearbandkeramik-Kultur aus 5500 bis 5000 vor Christi - die älteste bäuerliche Kultur in Europa, benannt nach ihrer charakteristischen Art der Verzierung von Tongefäßen.

Strontium-Signaturen


Bei der Methode werden die Ablagerungen des Metalls Strontium unter die Lupe genommen. Es wird nur in geringen Mengen vom Darm aufgenommen und stattdessen in Zähnen und Knochen gespeichert, um dort ähnlich wie Calcium Karies und Osteoporose entgegenzuwirken. Je nach der geologischen Herkunft des Metalls unterscheidet sich seine Zusammensetzung über die Isotopenverhältnisse. Die Messung verschiedener Strontium-Isotope in archäologischen Funden erlaubt es, das Material einem bestimmten Landstrich zuzuordnen. Menschen nehmen bis zum Alter von acht Jahren die typische Strontium-Signatur des jeweiligen Landstrichs auf, die sich im Laufe des Lebens nicht mehr verändert. Anhand der Zähne von Menschen der Frühsteinzeit lässt sich sagen, wo sie aufgewachsen sind.

Vor rund 7500 Jahren kam es in Europa zu einem Kulturbruch. In das bis dahin dünn mit Jägern und Sammlern besiedelte Mitteleuropa wanderten von Osten her Menschen ein, die Ackerbau und Viehzucht betrieben. Die ersten sesshaften Menschen lebten auf Löss-Böden entlang der Flusstäler, weil sie dort ideale Voraussetzungen für die Landwirtschaft fanden. Wie genau sie jedoch zusammenlebten, konnte bisher nur vermutet werden. "Es gab Modelle, die von einer egalitär strukturierten Bauerngesellschaft ausgingen", erklärt Teschler-Nicola. Wie sich nun aber zeigt, sind die Strontiumisotopen-Verhältnisse von Frau zu Frau weitaus unterschiedlicher als von Mann zu Mann. Die Forscher sehen das als starkes Indiz dafür, dass die Frauen mobiler als die Männer waren. Während Männer eher an dem Standort starben, an dem sie geboren waren und ihre Bauernhöfe führten, mussten die Frauen übersiedeln: "Frauen sind zur Heirat aus anderen Regionen oder Siedlungen zugezogen", so die Anthropologin.

Grabbeigaben zeigen zudem, dass Männer von hohem sozialen Rang eher dort begraben wurden, wo sie aufgewachsen waren, als Männer von niedrigem Status. Studienleiter Bentley verglich männliche Skelette, die Steinbeile als Grabbeigaben hatten, mit Skeletten, die keine hatten. Wie sich zeigte, waren Letztere weniger ortsgebunden als Erstere. Was nur den einen Schluss zulasse, dass Väter ihren Status an ihre Söhne weitergaben, die den Hof übernahmen. "Es gab offensichtlich schon im Neolithikum eine Erbfolge", so Teschler-Nicola.

Bereits Männer- und Frauengräber aus der Bronzezeit (2200 bis 800 vor Christi) dokumentieren gesellschaftliche Unterschiede. Dass die soziale Ungleichheit allerdings bereits weitaus früher entstand, war zuvor nicht belegt. Wie früh genau es zu dieser Entwicklung kam, können die Experten derzeit noch nicht auf den Punkt bringen. Für sie sind die Hinweise jedoch klar, dass die frühesten Bauern "keine egalitäre, sondern eine differenzierte, hierarchische Gesellschaft gewesen sind, in der Männer den Ton angaben. Sie scheinen über Besitz verfügt zu haben und das gab ihnen eine gewisse Machtfunktion, weil sie damit eine Familie und eine größere Population ernähren konnten", so Teschler-Nicola.