Mit dem Wissen, dass kühle Farben wie Blau oder Grün Bereiche optisch in den Hintergrund treten lassen, während warme Farbtöne Objekte in den Vordergrund rücken, kann man die Wirkung von Räumen verändern. Das hilft auch bei Dachschrägen: Ist sie in einem hellen Farbton gestrichen, beengt sie den Raum nicht. Werden die übrigen Wände im Raum dunkler gestaltet als die Dachschräge, so verstärkt sich dieser Effekt noch.

Auch im Garten wünschen sich die meisten Menschen Farbe in Form von blühenden Pflanzen. Ein tieferes Konzept steckt in der Folge jedoch in den wenigsten Fällen hinter der Gartengestaltung. Viele bunte Blüten sollen Heiterkeit und Lebensfreude vermitteln, doch stellt sich schnell und oft Beliebigkeit und Überreizung ein. Farbharmonische Rabatte und Bepflanzungen dagegen setzen auf den bewussten Verzicht auf eine oder mehrere Farben, um so die anderen in ihrer Harmonie bestens zur Geltung kommen zu lassen. Allerdings sind auch starke Kontraste im Sinne der Komplementärfarben äußerst reizvoll, etwa Violett kombiniert mit Orange oder Purpurrot mit Grün.

Heilen und feiern

Nicht nur der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe erkannte die Bedeutung der Farben und bezeichnete sein Werk "Zur Farbenlehre" als sein wichtigstes, seit jeher werden Farben zur Heilung von Krankheiten und zur Beeinflussung von Stimmungen eingesetzt. Als Pioniere der modernen Farbtherapie gelten der Amerikaner Edwin Babbitt, der Österreicher Rudolf Steiner und der in England wirkende Bayer Theo Gimbel. Ihre Erkenntnisse über die Wirkung von Farben werden bis heute etwa in Krankenhäusern in der Kleidung des Personals umgesetzt: So soll grüne und hellblaue Bekleidung beruhigen.

Mag man die Farbtherapie auch für Humbug halten, dass jeder eine Lieblingsfarbe hat (die sich im Lauf der Zeit natürlich immer wieder ändern kann), die auch etwas über die Persönlichkeit des Trägers aussagt, ist unbestritten. Es gibt sogar spezifische Farbtests, die Rückschlüsse auf die Persönlichkeit der Testperson erlauben sollen. Deren Seriosität ist allerdings umstritten.

Die Bedeutung der Farbe(n) feiern die Inder mit einem besonderen Fest, dem Frühlingsfest Holi zu Vollmond im Februar oder März. Am zweiten Tag des Festes besprengt und bestreut man sich gegenseitig mit gefärbtem Wasser und Farbpulver. Ursprünglich entstanden diese aus bestimmten Blüten, Wurzeln und Kräutern, die heilend wirken. Heute kommen leider häufig synthetische Farben zum Einsatz, die teilweise sogar schädlich sein können. Im spirituellen Bereich vermittelt Holi die Botschaft vom Triumph des Guten über das Böse, in der Natur markiert es den Sieg des Frühlings über den Winter, denn das Fest beginnt mit dem Aufblühen der Natur. Jedes Jahr wieder erfreut sie uns nach dem farblich zurückhaltenden Winter mit einem Feuerwerk an Farben, die es uns erlauben, uns in dieser Welt besser zurechtzufinden und ihr eine Ordnung zu geben ...

Artikel erschienen am 7. September 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 4-7