Die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung ist ruhig und sympathisch, man vermeint, ein leises Lächeln zu spüren. Doch es wird im Lauf des Gesprächs auch manchmal die Trauer über bestimmte Entwicklungen oder Ereignisse zu hören sein, eine Trauer, von der sie sich allerdings nicht unterkriegen lässt, noch nie hat unterkriegen lassen.

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Wie von gar nichts in ihrem Leben. Und da gab es genug Dinge, an denen andere wahrscheinlich verzweifelt wären. Gudrun Pflüger hat lieber ein Buch, nämlich "Wolfspirit. Meine Geschichte von Wölfen und Wundern" darüber geschrieben, um alles zu verarbeiten und "das hat mir auch geholfen zu vergessen". Zu vergessen, dass sie nicht in Kanada bei ihren geliebten Wölfen ist. Doch das ist quasi schon das Ende der Geschichte...

Wolfspirit

Begonnen hat alles im salzburgischen Radstadt, wo Gudrun schon früh auf Langlaufschiern stand. Wenn die sportliche Karriere anfangs auch nicht so glatt lief, sie kam letztendlich gut ins Laufen und brachte Gudrun Pflüger immerhin über 25 österreichische Meistertitel im Schilanglauf, Berglauf, Halbmarathon und Crosslauf, eine WM-Teilnahme und vier World-Trophy-Siege im Berglauf. Doch 1998 war für damals 26-Jährige endgültig Schluss mit dem aktiven Sport, "der Sinn meiner Schritte war über die Jahre immer fraglicher geworden", sagt sie leise. Aber ihre Kondition und das Wissen um die Lauftechnik werden ihr später in der Wildnis Kanadas, wo sie Wölfe beobachtet, enorm helfen.
Bis dahin dauerte es allerdings noch etwas, das Biologie-Studium in Salzburg wollte abgeschlossen werden. Auf ihrem Weg zur Universität ging sie so oft wie möglich am Wolfsgehege im Zoo Hellbrunn vorbei, schon damals faszinierten sie die scheuen Tiere, obwohl sie wusste, "dass sie in Gefangenschaft einen betäubten Willen haben müssen, um das auszuhalten". Bald wird sie in Kanada andere Wölfe kennenlernen, frei lebende, die ihr sogar erlauben, einen Nachmittag mitten unter ihnen in ihrem Rudel zu verbringen. Dieses Erlebnis, das auch im Film "Die Suche nach den Küstenwölfen" festgehalten worden ist, und ihre umfangreichen Beobachtungen, die sie den Wolf als sensibles, soziales Tier erkennen und erleben lassen, werden ihr dann 2005 helfen, den Kampf gegen ihren Gehirntumor aufzunehmen - und ihn zu gewinnen. Ihm begegnete sie mit den Eigenschaften, die für sie zu den ureigensten der Wölfe gehören - Zielstrebigkeit, Ausdauer, Leidensfähigkeit, Teamkompetenz, Freude und Lebenswillen. Wolfspirit eben. Der hat auch ihre Liebe zum Leben geprägt und ihren Respekt gegenüber allem Lebendigen, gegenüber der Natur überhaupt: "Wir müssen unsere natürlichen Lebensräume erhalten, denn alle Lebenskraft hat ihren Ursprung in der freien Natur. Und diese Botschaft ist für mich untrennbar mit den wildlebenden Wölfen in Kanada verbunden."

Ein schwerer Weg

Seit drei Jahren lebt Gudrun Pflüger wieder in Österreich, gar nicht weit von Radstadt entfernt, in Altenmarkt. Zurückgebracht hat sie hauptsächlich die Geburt ihres Sohnes Conrad, aber sie hatte auch von der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland und Österreich gehört, "und ich will ihnen den Weg bereiten, der sehr schwierig ist." Da hat sie sich einiges vorgenommen, denn die wilden Vorfahren unserer Hunde kämpfen bis heute gegen unendlich viele Klischees. Dabei ist längst erwiesen, dass der Wolf nichts mit der Menschen fressenden Bestie gemein hat, als die ihn Legenden und Märchen immer gerne hingestellt haben. "Der Wolf hat wahnsinnig viel Gegenwind, da braucht es jede Menge Aufklärung bei den Menschen. Aber dazu benötigt man Geld und Interesse und beides ist hier in Österreich nur begrenzt vorhanden", bedauert Pflüger. Das ist in Deutschland anders, da gibt es sogar eine Stiftung namens "Wilderness International", die Jugendliche zu Botschaftern der Natur macht: Die Natur kann uns so viel geben, aber wir zerstören das meiste schon vorher", bedauert die Diplom-Biologin. Und auch wenn sich seit der Ausrottung des Wolfs im 19. Jahrhundert vieles geändert hat, mehr Menschen das Land besiedeln und die Landschaftsstruktur sich geändert hat, "der Wolf würde damit zurechtkommen. Bloß wir tun das nicht."

Obwohl Meister Isegrim in Europa streng geschützt ist, geht die Jagd auf ihn weiter. Vergangenes Jahr hat Schweden sogar den Abschuss von über 100 Wölfen erlaubt, angeblich um durch das Auslichten der Rudel neue Wölfe anzulocken, die den Genpool auffrischen sollen: "Das ist nicht nachhaltig. Stattdessen sollte ein natürlicher Wanderkorridor zu anderen Wolfspopulationen wie etwa jenen in Finnland gewährleistet werden, um den Genpool frisch zu halten", weiß Pflüger. "Aber erstens gibt es eben einen riesigen Interessenskonflikt mit den Rentierzüchtern und Bauern und zweitens ist die Jägerschaft eng mit der Politik verbandelt - da weiß man dann, woher die Abschussfreigabe kommt. Immerhin muss sich Schweden jetzt vor der EU verantworten, denn das Land wurde geklagt."