Nipika, das Lieblingsrefugium von Gudrun Pflüger in Kanada.
Nipika, das Lieblingsrefugium von Gudrun Pflüger in Kanada.

Die Wildbiologin hat allerdings in Kanada kaum bessere Erfahrungen gemacht, auch dort werden die Wölfe intensiv bejagt. Nach ihren jüngsten Informationen sind von dem Rudel in Kootenay, das sie so intensiv erforscht hat, nur mehr höchstens fünf übrig, "wenn überhaupt". Trotzdem möchte sie gerne wieder zurück: "Obwohl ich schon drei Jahre wieder in Österreich bin, bin ich zerrissen; mein Herz und meine Seele sind noch immer in Kanada. Ich kann hier nicht richtig Fuß fassen, es hat sich zwar die Heimat nicht verändert, aber ich. Und mir fehlen Gleichgesinnte! Ich habe sogar die Jagdprüfung gemacht, um die Einstellung der Jäger verstehen zu können und sie für den Wolf offener zu machen, doch traditionelle Ansichten sind schwer zu verändern."

Ein großer Lehrmeister

Was sie am großen Beutegreifer Wolf so schätzt, sind Toleranz und ihr soziales Zusammenleben, "schließlich hat mich ein wildes Rudel Küstenwölfe in Kanada einen Nachmittag lang an ihrem Leben teilhaben lassen, quasi in ihre Familie aufgenommen". "Wir stehen vor großen Herausforderungen", ist Pflüger überzeugt, "der richtige Umgang mit dem Wolf, ihm seine Lebensberechtigung zu lassen und uns an die neue Situation anzupassen ist wohl ein gutes Training für das, was weltweit auf uns zukommt." Sie wünscht sich, dass sich die Menschen wieder an ihrem Ursprung, der Natur, orientieren: "Wir sind alle viel zu stark zum Konsum erzogen, aber man muss und soll nicht alles haben. Verzicht ist eine echte Bereicherung, das weiß ich aus eigener Erfahrung - ich sehe mich reich, obwohl ich materiell wohl unter der Armutsgrenze lebe."

Auf dem Weg zum Mount Alberta muss auch Nahanni ihren Beitrag leisten und Gepäck tragen.
Auf dem Weg zum Mount Alberta muss auch Nahanni ihren Beitrag leisten und Gepäck tragen.

Diese Liebe und das Verständnis für die Natur will sie auch ihrem mittlerweile dreijährigen Sohn vermitteln. Anfangs kam ihr da Nahanni zu Hilfe, ihre Husky-Mischlingshündin mit Wolfsblut-Einschlag, die sie aus Kanada mitgenommen hatte: "Nahanni war ein ganz besonderer Hund, sie hat mich bei meinen Wolfsforschungen begleitet und war immer für mich da, so wie für Conrad. Und die beiden haben gemeinsam geheult!" Das muss ihr Sohn nun allein machen, denn Nahanni ist im April knapp zehnjährig gestorben: "Es war wohl doch alles viel für sie", sagt Gudrun Pflüger traurig.

Einen Sommerlang hat sie auch ein Alpinprojekt begleitet, das sich mit den möglichen Routen der Wölfe im alpinen Raum beschäftigt: "Wir haben tolle Erkenntnisse gewonnen, die Landschaft bietet sich für Wanderrouten richtiggehend an. Und wenn sie von selbst kommen und bleiben, dann sollen sie auch dauerhaft bleiben dürfen." 40 Rudel könnten rein biologisch allein in Österreich leben, Platz- und Futterangebot regulieren die Größe der Reviere. Doch der Wolf ist ein gesamtgesellschaftliches Thema, "da sind vom Bauern bis zum Touristiker alle betroffen." Aber Gudrun Pflüger gibt nicht auf, Verständnis und Toleranz für den Wolf zu wecken. Das Buch soll ein weiterer Schritt in diese Richtung sein: "Hätte ich nicht zu den kanadischen Wölfen gefunden, hätte ich wohl keine Chance gehabt, den Gehirntumor zu überleben. Was sie mir mitgegeben haben, ihren Wolfspirit, den möchte ich allen vermitteln." Und wer das Buch gelesen hat, weiß, was sie meint ...

Artikel erschienen am 28. September 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 14-17