Sheffield/Wien.

Ältere Schwestern erhöhten die Überlebenschancen ihrer kleinen Brüder - zumindest in vorindustriellen Zeiten. - © © Denisa Haldova/Corbis
Ältere Schwestern erhöhten die Überlebenschancen ihrer kleinen Brüder - zumindest in vorindustriellen Zeiten. - © © Denisa Haldova/Corbis
(est) Wie wirken sich ältere Brüder und Schwestern auf die Lebensgeschichte aus? Zumindest ältere Geschwister des gleichen Geschlechts tun den Jüngeren nicht immer gut, berichten britische Forscher in den "Proceedings of the Royal Society B.".

Die Biologen untersuchten im Sinne der Evolutionslehre, wie Geschwister zur Fitness des Einzelnen beitragen. Demnach konkurrieren Jüngere und Ältere zwar im Kampf um Nahrung und Ressourcen, jedoch erhöhen die Älteren die Überlebenschancen der Jüngeren, da sie den Eltern bei der Aufzucht helfen. Ab der sexuellen Reife sind die älteren Geschwister den Jüngeren allerdings hinderlich. Wie die Forscher um Aida Nitsch vom Department of Animal and Plant Sciences der Universität Sheffield zeigen, heiratet später und bekommt weniger Kinder, wer ältere Brüder und Schwestern hat.

Um ihre Studie möglichst rein von kulturellen und gesellschaftlichen Strömungen zu halten, suchten Nitsch und ihre Kollegen in den Archiven der protestantischen Kirche Finnlands, wo sie ein Register zur Steuererhebung fanden mit Angaben zu Geburt, Heirat, Todesfällen und Einkommen von 10.000 zwischen 1750 und 1900 geborenen Frauen und Männern, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts 30.000 Kinder bekamen. Die Daten stammen zwar aus der Vergangenheit, doch laut den Biologen zeigen sie gleichermaßen eine "Zusammensetzung von Familien auf der Grundlage von Menschen, die mit natürlicher Fruchtbarkeit und Sterblichkeit im Wettbewerb um knappe ökologische Güter stehen." Im Sinne der Evolutionsforschung richten sie sich also nicht nach dem modernen Leben, sondern fokussieren (so gut wie möglich) auf die Biologie an sich.

Die Auswertung fördert Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu Tage. Bei Buben erhöhte jedes ältere Geschwister dessen Chancen, das 15. Lebensjahr zu erreichen, um zehn Prozent. Bei Mädchen erhöhen nur Brüder die Überlebenschancen. In der Kindheit verbessern ältere Geschwister also die Fitness. Im Erwachsenenalter sind sie jedoch nachteilig: Bei Männern senken ältere Brüder nicht nur die Anzahl der Kinder, die sie bekommen, sondern auch die Chance, überhaupt eine Familie zu gründen. Ältere Schwestern hatten auf die Fortpflanzung ihrer kleinen Brüder keinen Einfluss - wohl aber bekamen ihre jüngeren Schwestern auf einem engen Heiratsmarkt weniger Kinder.

Umgerechnet auf die Lebenszeit zahlen sich ältere Brüder für
Männer nicht aus, weil deren negativer Effekt auf ihre Nachkommen größer ist als deren Beitrag zum Überleben während der Kindheit. Ältere Schwestern sind für Männer hingegen ein Gewinn. Bei Frauen ist es unter umgekehrten Vorzeichen ähnlich.

Laut den Biologen könnten
diese statistischen Zusammenhänge auf einen Konkurrenzkampf unter Vertretern und Vertreterinnen desselben Geschlechts im Erwachsenenalter hindeuten. Und im Kindheitsalter könnte die Tatsache, dass nur Brüder die Überlebenschancen alle ihrer Geschwister erhöhen, traditionellen Geschlechterrollen geschuldet sein.