Heute gibt es 9000 Schuppenkriechtier-Arten: Das Boehme’s Day Gecko lebt in Madagaskar. - © corbis
Heute gibt es 9000 Schuppenkriechtier-Arten: Das Boehme’s Day Gecko lebt in Madagaskar. - © corbis

New Haven/Wien. (est/dpa) Heute scheint es kaum vorstellbar, denn ihre Gruppe umfasst mehr als 9000 Arten: Schlangen und Eidechsen leben in den meisten Ländern auf dem Boden, auf Bäumen oder im Wasser. Anders als zuvor angenommen, überstanden die Schuppenkriechtiere das Massensterben vor 65 Millionen Jahren jedoch keineswegs unbeschadet.

Nach der gängigen Theorie beförderte der riesige Asteroid, der am Ende der Kreidezeit auf der mexikanischen Yucatan-Halbinsel niederging, durch seinen Einschlag so viel Staub in die Atmosphäre, dass über Jahre kaum Sonnenlicht zur Erde drang. Pflanzen verkümmerten, weil sie keine Photosynthese vornehmen konnten - die Nahrungskette brach zusammen. Die Folge war ein Massensterben. "Bisher hatte man geglaubt, dass dieses Ereignis vor allem die Dinosaurier betraf", erläutert Nicholas Longrich von der Universität Yale in New Haven in den "Proceedings der National Academy of Sciences". Nun zeigt sich: "Auch Schlangen und Echsen wurden extrem hart getroffen." 83 Prozent aller Reptilienarten seien schlagartig verschwunden.

"Obamadon gracilis"


nach US-Präsident benannt


Schon in der Kreidezeit entwickelten Warane, Schlangen, Geckos, Leguane und Schlangen eine erstaunliche Vielfalt. Die US-Paläontologen haben diesen Artenreichtum nun erstmals anhand von Knochen aus verschiedenen Museen untersucht. Der gewählte Zeitraum reichte von 20 Millionen Jahren vor dem Massensterben bis 15 Millionen Jahre nach dessen Ende. Wie sich zeigte, war die Artenvielfalt kurz vor dem Meteoriteneinschlag am größten. Damals lebten 27 verschiedene Arten von Eidechsen und drei Schlangenarten auf dem Gebiet Nordamerikas. Es gab zwei Meter lange Echsen, die vermutlich auch die Eier von Dinosauriern und Säugetiere als Ganzes fraßen. "Im Bezug auf die biologische Vielfalt konnten sie es mit den Dinosauriern aufnehmen", so Longrich.

Die Forscher identifizierten auch einige bisher unbekannte Arten. Einer Eidechse gaben sie den Namen "Obamadon gracilis" zu Ehren von US-Präsident Barack Obama. Das Reptil, von dem nur zwei Kieferknochen erhalten sind, war rund 30 Zentimeter lang und ernährte sich vermutlich von Insekten. Die Gruppe, zu der es gehörte, überlebte nicht. Die Namensgebung sei allerdings keine politische Entscheidung gewesen, betont Longrich, sondern ein Spaß.

Es vergingen zehn Millionen Jahre, bis wieder eine Artenvielfalt auf der Erde herrschte. Von den Reptilien hatten, den Forschern zufolge, nur die kleinen Arten eine Chance zu überleben. Sie vermuten, dass in der Zeit, in der die Pflanzen kaum Photosynthese betrieben, kleine Insektenfresser noch am ehesten zurechtkamen, da sie Tierchen fressen konnten, die sich von totem Pflanzenmaterial oder Kadavern ernährten.

Nur die kleinen Tiere konnten überleben


Kein Tier, das schwerer als ein Pfund war, überlebte die Umweltkatastrophe. Ihre teils gewaltige Größe könnte daher auch das Schicksal der Dinosaurier besiegelt haben, spekulieren Longrich und seine Kollegen. Während Säugetiere, Vögel und Eidechsen viele kleine Arten hervorgebracht hatten, wogen praktisch alle bekannten Dinosaurier (bis auf die Vögel) mehr als fünf Kilo.

Auch viele bis dahin erfolgreiche Linien der Schuppenkriechtiere verschwanden am Ende der Kreidezeit für immer von der Erde. "Die Ahnen der heutigen Gruppen traten buchstäblich aus der Asche des Asteroideneinschlags hervor", berichten die Autoren.

In einer früheren Studie hatten Longrich und seine Kollegen bereits nachgewiesen, dass auch ein großer Teil der urzeitlichen Vogelarten durch die Katastrophe vor 65 Millionen Jahren ausgestorben ist.