"Der Papa wartet, komm jetzt, Lanzelot." Der etwa achtjährige Junge folgt, und noch ehe es in mein Bewusstsein dringt, dass Lanzelot tatsächlich aussieht, wie man sich Lanzelot vorstellt, also blond mit strahlenden blauen Augen, lässt er sich von seiner Mutter an der Hand nehmen und aus der Spielwarenabteilung des Münchner Karstadt hinausführen.

Komm jetzt, Lanzelot: Antiquierte und sagenumwobene Namen haben wieder Hochkonjunktur - im Bild Ritter Lanzelot aus der Artus-Legende, gemalt von Thomas MacKenzie, ca. 1900. - © PoodlesRock/Corbis
Komm jetzt, Lanzelot: Antiquierte und sagenumwobene Namen haben wieder Hochkonjunktur - im Bild Ritter Lanzelot aus der Artus-Legende, gemalt von Thomas MacKenzie, ca. 1900. - © PoodlesRock/Corbis

Wie kann man ein Kind nur "Lanzelot" nennen? - Die Mutter hätte ich auf unter 30 geschätzt, auffallend hübsch, sehr elegant, nicht die Ausstrahlung einer Spinnerin. Dennoch: Lanzelot. . .

Andererseits: Warum nicht? Die alten Namen kehren im deutschen Sprachraum langsam zurück - auch biblische Namen. Daniel etwa oder Adam, vor kurzer Zeit noch eine Seltenheit, ist heute so gebräuchlich wie Ruth, Esther oder Sarah, Namen die vor wenigen Jahren nur jüdische Frauen trugen.

Die Herkunft der Namen

Joseph Goebbels, Propagandaminister des sogenannten Dritten Reichs, entblödete sich etwa, die Schauspielerin und Sängerin Zarah Leander zu fragen: "Zarah - das ist doch ein jüdischer Name?" Worauf die nicht jüdische Schauspielerin antwortete: "Ja, genauso wie Joseph."

Nur - wer denkt daran heute noch, dass Namen wie Gabriel, Jakob, Johannes, Lukas, Markus, Michael oder Simon jüdischer Herkunft sind? Durch die griechischen Schriften der Bibel sind sie längst als christlich ausgewiesen, obwohl sie ihre Ursprünge im Judentum haben.

Doch was bedeutet schon ein Name? - "Name ist Schall und Rauch", sagt Goethes Faust in einem der am häufigsten missverstandenen Zitate. Denn der Doktor spricht nicht vom Namen eines Menschen, sondern vom Namen Gottes. Und mit dem hat es so seine eigene Bewandtnis.

Er lautet Jehova oder Jahwe, je nachdem, wie die hebräische Konsonantenschrift vokalisiert wird. Der Name steht, JHWH geschrieben, eindeutig in der Bibel - und zwar an die 7000 Mal. Und nun schnell die eigene Bibel aufgeschlagen und nachgezählt, wie oft er in ihr vorkommt.

Oder nein: Das ergebnislose Blättern wäre zu frustrierend. Daher bitte zwecks Stichprobe das Erste Buch Mose aufschlagen, Kapitel 2, Vers 5 - und da steht mit ziemlicher Sicherheit "Gott der Herr" oder etwas Ähnliches.

Obwohl nämlich das Aussprechen des Gottesnamens durch die Bibel eindeutig legitimiert ist, beugen sich die meisten christlichen Religionen dem Namensverbot der Juden, das auf eine extreme Auslegung des Gebots zurückgeht: "Du sollst den Namen Jehovas, deines Gottes, nicht in unwürdiger Weise gebrauchen."

Dahinter steckt die Überlegung: Damit ja kein unwürdiger Gebrauch stattfinden kann, findet gleich gar kein Gebrauch statt. Der namentlich anrufbare, menschennahe Gott rückt so jedoch in die weite Ferne einer unnahbaren, nur durch einen Titel ansprechbaren Majestät. Heute gebrauchen nur die Mormonen fallweise und Jehovas Zeugen konsequent den biblisch legitimierten Gottesnamen, während Papst Benedikt am 29. Juni 2008 mit einer Anweisung an alle Bischofskonferenzen verfügt hat, den Gottesnamen nicht mehr in Liturgie, Gebeten oder Kirchenliedern zu verwenden.

Allein das zeigt schon, dass ein Name etwas Besonderes sein muss - doch worin besteht dieses Besondere eigentlich? Ein Name ist die spontanste und engste Verbindung zu seinem Träger. Die Aussprache des Namens zwischen Liebenden ist eine Form der Vertrautheit, der Zärtlichkeit. Erst später kommen dann die Kosenamen - Namen auch sie - hinzu. Es ist kein Zufall, dass Rainer Maria Rilke in "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" schreibt: "Sie haben sich ja gefunden, um einander ein neues Geschlecht zu sein. Sie werden sich hundert neue Namen geben und einander alle wieder abnehmen, leise, wie man einen Ohrring abnimmt."

Aber in Sagen und Mythen hat der Name magische Kraft, die Aussprache des Namens kann nämlich auch bannen. Daher gebietet in Wolfram von Eschenbach "Parzival"-Epos der Gralsritter Lohengrin seiner Frau Elsa, sie dürfe ihn nie nach seinem Namen fragen; als sie die Frage dennoch stellt, muss der Gralsritter sie verlassen.

In der Literatur hat der Name - oder seine Verweigerung - ebenfalls bisweilen höchste Bedeutung. Jules Verne etwa nennt den Kapitän des U-Boots "Nautilus" Nemo, was lateinisch abgeleitet "niemand" bedeutet und griechisch abgeleitet "ich gebe, was fällig ist": eine gezielte Mystifizierung der Person, die sich dadurch, trotz genauer Beschreibung von Physiognomie und Charakter, der Greifbarkeit, auch der Angreifbarkeit, entzieht.

Tücken der Transkription

In Henry James‘ psychologischer Gespenstergeschichte "Die Drehung der Schraube" wiederum weicht der Geist in dem Moment von dem Buben, den er in Besitz nehmen will, als dieser seinen Namen ausspricht: "Peter Quint." Der amerikanische Autor Howard Phillips Lovecraft hingegen wird nicht müde zu versichern, die Dämonengötter seines Universums der Schrecken hätten unaussprechliche Namen, doch irgendjemand spricht sie doch aus, und die Folgen davon kennt schon ein altes bayerisches Sprichwort: "Wie man den Teufel nennt, kommt er g‘rennt."