Menschliche embryonale Stammzellen können in der Therapie zu Tumoren mutieren. - © corbis
Menschliche embryonale Stammzellen können in der Therapie zu Tumoren mutieren. - © corbis

"Wiener Zeitung": Die europäische Bürgerinitiative "One Of Us" sammelt Unterschriften gegen die Finanzierung von Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen durch EU-Mittel. Den Initiatoren zufolge müsse "die Würde des Embryos geschützt" und "sein Recht auf körperliche Unversehrtheit" bewahrt werden. Ist das Unbehagen berechtigt?

Markus Hengstschläger: Natürlich ist es berechtigt, wir dürfen aber nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Das eine ist die immer noch ungelöste ethische Frage, ob und wie das individuelle menschliche Leben in diesem frühen Stadium schützenswert ist, beziehungsweise ob es nur ein mikro-kleiner Zellhaufen ist. Das andere ist die wissenschaftliche Frage, wofür man embryonale Stammzellen braucht und idealerweise einsetzt, und ob man mit anderen Stammzellen nicht gleichwertige oder gar bessere Ergebnisse erzielen könnte.

Ich vermute, dass für die Therapie von Krankheiten des Menschen embryonale Stammzellen künftig nicht die Methode der Wahl sein werden. Meine Sorge ist, dass wir die Probleme bei der Ausbildung dieser "Alleskönner" in Nerven-, Herzmuskel- oder Leberzellen (siehe "Wissen") nicht in den Griff bekommen. Geht etwas nicht perfekt bei der Ausdifferenzierung, bilden die embryonalen Stammzellen nämlich hochinvasive Tumore und führen zu Krebs. Diese Themen haben wir nicht vom Tisch. Adulte und fetale Stammzellen sind hingegen nicht tumorogen. Dennoch müssen wir embryonale Stammzellen weiterhin beforschen, damit wir sie vergleichen können. Die Forschung wird also unumgänglich sein.

Könnte man sagen, dass ethische Bedenken an der Notwendigkeit, alles zu wissen, zerschellen?

Die Forschung an embryonalen Stammzellen zu verbieten, oder durch Nicht-Finanzierung zu verhindern, bringt gar nichts. Wenn man wissen will, was die Vor- und Nachteile der Stammzelltypen sind, wird man an dieser Forschung nicht vorbeikommen.

Wir greifen allerdings zunehmend in Prozesse ein, bevor das Leben überhaupt beginnt. Wie soll die Gesellschaft damit umgehen?

Man muss ethisch rechtfertigen, was man tut. Aber man muss es auch ethisch rechtfertigen, wenn man etwas unterlässt. Wenn man eine Hilfestellung unterlässt, wird jeder fragen: Warum hast du das nicht gemacht? In der Bioethikkommission argumentieren wir immer wieder auch dafür, etwas zu tun, eher als es nicht zu tun - etwa bin ich auch für die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare bei der künstlichen Befruchtung.

Die Öffentlichkeit betrachtet neue Möglichkeiten der Medizin aber in Bausch und Bogen: Diagnostik am Embryo im Zuge der künstlichen Befruchtung ist Selektion, embryonale Stammzellenforschung verbraucht ungeborenes Leben. Warum?

Das ist ein Problem. Die Bioethikkommission muss alles auseinanderdröseln, jeden Punkt einzeln besprechen und die Vor- und Nachteile in diesem sehr progressiven Fach genau abwägen. Dabei kann es sein, dass wir ein Thema, zu dem wir heuer eine Empfehlung abgeben, schon in fünf Jahren völlig neu diskutieren müssen, weil sich die Prämissen geändert haben.

Sie erforschen fetale Stammzellen im Fruchtwasser der Mutter. Was haben Sie entdeckt?

Vor zehn Jahren haben wir Stammzellen entdeckt, die im Fruchtwasser rund um das Kind schwimmen. Sie haben ein ähnlich hohes Potenzial, sich in verschiedene Zelltypen zu entwickeln, wie embryonale Stammzellen, sind aber nicht tumorogen. Irgendwann kam die Frage auf, wozu diese Zellen da sind. Auf der Basis aller zur Verfügung stehender Daten haben wir die Theorie aufgestellt, dass das Kind seine Stammzellen in die Blutbahn der Mutter schickt. Wenn sie etwa einen Gehirnschlag oder eine Leberschädigung erleidet, können sich die vom Kind geschickten, pluripotenten Zellen in die geschädigten Organe einnisten und dort zu jungen, neuen reparierenden Zellen werden.

Wenn die kindlichen Zellen nicht mehr gebraucht werden, werden sie entsorgt. Sie sterben ab, was die kindliche DNA im mütterlichen Blut freisetzt. Die kann für nicht invasive Pränataldiagnostik genutzt werden. Damit lässt sich derzeit zwar nur Trisomie 21 (Down Syndrom) testen, in fünf bis zehn Jahren werden wir aber viele Fragen aus dem mütterlichen Blut über das Ungeborene beantworten können. Wir benötigen daher unbedingt auch Regeln für das diesbezügliche Gespräch zwischen dem Arzt und der Schwangeren.

Konsequent gedacht, dürften Ihrer Theorie zufolge während der Schwangerschaft keine Krankheiten auftreten. Warum tun sie es doch?

Im Körper findet ein ständiger Kampf zwischen gesund und krank statt. Ist man immun genug gegen einen Virus, wird man es wieder los, ist man es nicht, wird man krank. Im Körper mutieren täglich tausende Zellen, die alle zu Krebszellen werden würden, würde das Immunsystem sie nicht identifizieren und entsorgen. Es herrscht also ein ständiges Kommen und Gehen. Was wir sagen ist, dass dabei nicht nur die Schwangere, sondern auch das Kind mitmischt.

Welches Licht wirft das auf die Evolutionstheorie? Immerhin sorgen jetzt nicht mehr nur Eltern für Kinder, sondern auch umgekehrt.