Washington/Wien. Hoffnung im Kampf gegen Aids: Ärzte in den USA haben nach eigenen Angaben erstmals ein mit dem HI-Virus infiziertes Baby weitgehend geheilt. Das heute zweieinhalb Jahre alte Mädchen sei kurz nach der Geburt mit antiretroviralen Medikamenten behandelt worden, berichtete die Virologin Deborah Persaud vom Johns Hopkins Children's Centre in Baltimore auf einem Fachkongress über Viren in Atlanta.

Experten warnten aber vor zu großen Erwartungen. Für Norbert Vetter, HIV-/Aids-Experte am Otto-Wagner-Spital in Wien, ist es "eine interessante Einzelbeobachtung". Aber: "Daraus Konsequenzen abzuleiten ist nicht möglich und gefährlich", sagte er im Gespräch. Es sei ein "Einzelfall einer besonders aggressiven Therapie nach der Geburt". Mit dem Terminus Heilung müsse man vorsichtig umgehen. "Die Nachbeobachtungszeit ist viel zu kurz, es kann erst die Zukunft zeigen, ob es wirklich gelungen ist, die Viren so zu beeinträchtigen, dass sie nicht wieder auftreten", sagte der Primararzt.

Kombinationstherapie führte zu Erfolg  
Das Kind war 2010 in einer ländlichen Gegend im US-Bundesstaat Mississippi zur Welt gekommen. Die Mutter war HIV-positiv, wusste davon aber nichts. Nachdem Tests die Infektion nachgewiesen hatten, begannen die Ärzte rund 30 Stunden nach der Geburt damit, das Baby mit einer Kombination aus drei Medikamenten zu behandeln - üblich ist bei Neugeborenen von HIV-positiven Müttern eine etwa vierwöchige Einfachprophylaxe.

Bereits nach einem Monat seien die Viren kaum noch im Körper des Kindes nachweisbar gewesen, berichteten die Mediziner. Dies sei bis heute so, obwohl die Therapie nach etwa eineinhalb Jahren ausgesetzt wurde. Denn die Mutter hatte den Angaben zufolge ihr Kind zehn Monate lang nicht mehr zur Behandlung gebracht.

Virologin Persaud und andere Kollegen sind überzeugt, dass sich das Baby im Mutterleib infizierte und es sich um einen seltenen Fall von "funktioneller Heilung" ("functional cure") handelt. Diese liegt vor, wenn einzelne Viren oder Virenbruchstücke noch nachgewiesen werden können, der Erreger aber vom Immunsystem so gut kontrolliert wird, dass es sich nicht vermehren kann. Von dem Virus seien dann nur noch "Fußabdrücke" zu sehen, so Persaud. Der Erreger ist dann bei üblichen Bluttests nicht mehr zu erkennen. Es ist auch keine lebenslange Behandlung mit Medikamenten nötig.

Erste dokumentierte "HIV-Heilung"
Für Persaud steht fest: "Dies ist unser Timothy Brown." Der US-Amerikaner, der als "Berliner Patient" weltweit bekannt geworden ist, gilt als der bisher einzige Mensch, bei dem eine HIV-Heilung dokumentiert wurde. Der damals HIV-positive Brown hatte sich 2007 in Berlin wegen Leukämie behandeln lassen. Nach einer Stammzelltransplantation ließen sich die Aids-Erreger einige Jahre später Wissenschaftern zufolge nicht mehr in seinem Körper nachweisen. Einige Ärzte bezeichneten ihn daraufhin als geheilt.

Über den neuen Fall in Mississippi sagte Persaud: "Nun müssen wir herausfinden, ob es sich um eine höchst untypische Reaktion auf eine sehr frühe antiretrovirale Therapie handelt oder ob es etwas ist, das wir bei anderen Hochrisiko-Säuglingen wiederholen können." In dem Fall könnte dies zu neuen Behandlungsstandards führen, hieß es in Medienberichten.

Eine der Hypothesen ist, dass die frühe Behandlung mit mehreren Medikamenten das Virus davon abgehalten hat, sich in Reservoiren im Körper einzunisten, etwa in Zellnestern in den Lymphknoten. "Der kleine Patient wäre der erste HIV-Patient, bei dem bewiesen wurde, dass man durch ganz frühe Therapie eine Infektion auch wieder heilen kann", berichtete der Mediziner Armin Schafberger von der Deutschen Aids-Hilfe. Wie es weiter gehe, wisse man allerdings nicht, denn das Kind sei derzeit unauffindbar.

Einige Experten hatten zuvor Skepsis an der Heilung in Mississippi geäußert. Es stehe nicht zweifelsfrei fest, ob das Mädchen sich tatsächlich mit dem Aids-Erreger angesteckt hatte. Die Tests seien eindeutig, hieß es dagegen vom Forscherteam um die Virologin Persaud.