Aus dem All betrachtet wirkt unser Planet, als ob er großteils in die Farbe Blau getaucht wäre. Die Weltmeere, die rund 70 Prozent der Fläche der Erde für sich beanspruchen, sind dafür verantwortlich. Aber diese "Ursuppe", aus der alles Leben entstanden ist, ist massiv bedroht: durch Klimawandel, Verschmutzung, Überfischung.

- - © Gary Bell/Corbis
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Betroffen ist die maritime Lebenswelt vom Plankton bis hin zu den Walen, von den Robben bis zu den Seevögeln. Und die Bilder eines getöteten Wals, einer Schildkröte, die hilflos als Beifang in einem riesigen Schleppnetz zappelt, einer Robbe, der ein Stück Fischernetz in den Hals eingewachsen ist, eines Hais, dem gerade die Flossen abgeschnitten wurden und der hilflos wieder ins Meer geworfen wird, oder eines Pelikans, der ölverschmiert an einem Strand stirbt, sind nur die Oberfläche der Tragödie, die sich in den Ozeanen abspielt.

Ein Meer aus Plastik

Nach Untersuchungen der UN-Umweltorganisation UNEP (United Nations Environment Programme) treiben bis zu 18.000 Plastik-
teile in jedem einzelnen Quadratkilometer der Weltmeere. Rund sechseinhalb Millionen Tonnen Plastikmüll  landen jedes Jahr im Meer. Plastikteile und deren Zersetzungsprodukte sammeln sich insbesondere in einigen Meeresdriftströmungswirbeln und führen zu einer erheblichen Verdichtung in manchen Meeresregionen. Dem Nordpazifikwirbel (North Pacific Gyre) zwischen Kalifornien und Hawaii hat dieses Phänomen den Beinamen "Great Pacific Garbage Patch" eingebracht – immerhin erstreckt sich der "Plastikkontinent" über eine Fläche von 3,43 Millionen Quadratkilometern …

Kunststoffe werden im Meer durch Gezeiten und die Wirkung der Wellen in immer kleinere Stücke zerteilt. Einige werden durch Lichteinwirkung und Freisetzung der enthaltenen Weichmacher spröde und brüchig, wodurch unter anderem drei bis fünf Millimeter große Pellets entstehen, die von Meerestieren mit Plankton verwechselt und gefressen werden. Noch kleinere Bruchstücke und freigesetzte Chemikalien werden auch von Planktonorganismen selbst aufgenommen und besiedelt. Größere Tiere wie Seehunde und Robben bleiben mitunter in Getränkekästen stecken oder verheddern sich ebenso wie Fische und Delfine in aufgegebenen Fischernetzen.

Der amerikanische Ozeanograph Charles Curtis Ebbesmeyer, der unter anderem die Meeresströmungen anhand der Bewegung von Treibgut in den Ozeanen erforschte, fand im Rahmen seiner Tätigkeit vor einigen Jahren in einem verendeten Albatros-Jungtier fast 100 Plastikteile, mit denen es von den Elterntieren gefüttert worden war – kein Einzelphänomen: Besonders Albatrosse und Eissturmvögel verwechseln die Abfallstücke oft mit Futter und fressen sie beziehungsweise verfüttern sie an ihre Jungen. Sie fühlen sich zwar offenbar satt, verhungern aber letztendlich mit müllgefülltem Magen. Auch Wale und Delfine fressen den Abfall und erleiden dadurch oft dasselbe Schicksal wie die Albatrosse. Mehr als eine Million Seevögel und geschätzte 100.000 Meeressäugetiere und Schildkröten gehen jährlich an den Überresten von Plastikmüll zugrunde, der in den Ozeanen treibt.

Der "World Ocean Review", der erstmals 2010 und in seiner zweiten Ausgabe im Februar dieses Jahr veröffentlicht wurde, weist auch auf die Bedrohung der Ozeane und ihrer Lebenswelten durch Öl, Chemikalien und radioaktive Substanzen hin. Hauptverantwortlich dafür sind vor allem die Schifffahrt (allein 2012 befuhren 5000 Containerschiffe die Meere), Abwässer, die immer noch in vielen Ländern ungefiltert ins Meer geleitet werden, und der übermäßige Einsatz von Düngemitteln, die für eine Überdüngung der küstennahen Meeresregionen sorgen – Ergebnis sind Algenblüten. Ausgasende Dauergifte etwa aus industriellen Anlagen werden über dem Meer abgeregnet und durch Strömungen in alle Weltmeere verteilt.

Es wird immer wärmer

Dieser Delfin hat sich in einem Plastiknetz für Getränkedosen verfangen. - © Flip Nicklin/Minden Pictures/Corbis
Dieser Delfin hat sich in einem Plastiknetz für Getränkedosen verfangen. - © Flip Nicklin/Minden Pictures/Corbis


Die allgemeine Klimaerwärmung bewirkt auch ein Ansteigen der Temperaturen in den Ozeanen. Durch die vermehrte Aufnahme von Kohlendioxid (CO₂) aus der Luft versauern sie außerdem rascher, was gleichzeitig einen sinkenden Sauerstoffgehalt zur Folge hat. Das Abschmelzen der Polkappen und der Gletscher lässt den Meeresspiegel ansteigen und das Packeis weniger werden – etliche Regionen der Arktis bleiben über viele Wochen eisfrei. Das bedeutet vor allem für Eisbären eine massive Bedrohung, denn ihre bevorzugten Beutetiere, die Robben, sind für sie kaum mehr erreichbar.

Die Erwärmung der Meere hat aber auch Auswirkungen auf die Korallenriffe: 58 Prozent der weltweiten Riffareale gelten als gefährdet, viele sind bereits zerstört. Verantwortlich dafür sind laut Wissenschaftern und Forschern der Anstieg des Meeresspiegels, veränderte Sturmintensitäten, der bereits angesprochene Anstieg der Meerestemperaturen, der zur gefürchteten Korallenbleiche führt (ein Zeichen, dass die Symbiose mit den auf den Korallen lebenden Algen zusammenbricht), sowie die Versauerung. Kaltwasserkorallen sind außerdem besonders anfällig gegen Strömungsänderungen, da die Nahrungszufuhr von der Ozeanzirkulation abhängt. Von den Korallenriffen sind jedoch viele der im Meer lebenden Fisch-Arten abhängig – sterben die Korallen, verschwinden auch sie …


Der Kampf um den Fisch

So endlich der Ozean ist, so endlich sind auch seine Ressourcen. Das betrifft vor allem die maritimen Lebewesen. Die steigende Nachfrage nach Fisch hat bereits viele Arten und Bestände an ihr Limit gebracht: So werden nach Angaben der EU-Kommission jährlich knapp 5,2 Millionen Tonnen Fisch gefangen – und das allein im Mittelmeer und entlang der europäischen Küsten. Viele Fischarten werden gar nicht mehr alt genug, um sich vermehren zu können – kein Wunder, dass nach Schätzungen rund 80 Prozent der Fischbestände weltweit überfischt, 90 Prozent der beliebtesten Fischarten wie Dorsch, Schwertfisch oder Tunfisch nahezu völlig aus den Meeren verschwunden sind. Große Bedeutung kommt dabei auch kleinen Fischen wie Sardinen, Makrelen oder Heringen zu: Sie dienen nicht nur größeren Fischarten als Beute, sondern werden zur Produktion von Fischmehl gefangen. Da diese in immer größerem Ausmaß für die Fütterung fleischfressender Fische in Aquakulturen (etwa Lachs, Dorsch oder Barsch) benötigt werden, fehlen sie in der Nahrungskette für Fische, Meeressäuger und Seevögel.

Die EU will nun der Überfischung Einhalt gebieten, spätestens 2015 sollen die Bestände nicht mehr über die natürliche Reproduktion hinaus ausgebeutet werden. Außerdem soll der Rückwurf des Beifanges ab 2014 schrittweise verboten werden: Dabei werden Meerestiere ohne Handelswert, die sich in den Netzen verfangen haben (etwa Delfine, Schildkröten oder Fische, die nicht unter die jeweilige Fanglizenz fallen), wieder ins Meer geworfen, wobei die meisten von ihnen bereits tot oder schwer verletzt sind. Die Menge dieses Rückwurfes beträgt derzeit etwa 1,9 Millionen Tonnen pro Jahr, das sind etwa 40 Prozent des gesamten Fanges. Mit der neuen Regelung sollen Fischer zu nachhaltigen Fangmethoden verpflichtet werden, um dieser groß angelegten Verschwendung Einhalt zu gebieten. Da jedoch mittlerweile immer mehr Fischtrawler unter europäischer Flagge die Gewässer vor Afrika leerfischen, sollen die Fischereiabkommen mit Entwicklungsländern ebenfalls überarbeitet werden.

Rasches Handeln gefordert

Wie die Fischereireform der EU und deren Einhaltung letztlich tatsächlich aussieht, wird sich weisen. Wissenschafter fordern jedoch viel massivere Schutzmaßnahmen für die Weltmeere: Wenn man bedenkt, dass auf den Kontinenten rund 13 Prozent aller Landflächen als Naturschutzgebiete ausgewiesen sind, die Gesamtfläche aller geschützten Meeresgebiete aber nur einen Anteil von 1,4 Prozent der Meeresoberfläche hat, sind die Forderungen gut nachvollziehbar. Hat kürzlich der französische Filmemacher und Forscher Yann Arthus-Bertrand in seinem Film "Planet Ocean" auf die Gefahren einer weiteren Ausbeutung der Meere hingewiesen, setzt sich auch Nikolaus Gelpke, der Initiator des "World Ocean Review", für sie ein. Er fordert eine Anwaltschaft für die Ozeane und fordert die Politik auf, Gesetze zum Schutz der Weltmeere zu erlassen. Hehre Ziele, für deren Erreichung es allerdings schon reichlich spät ist …