Winzige Temperaturveränderungen mit hoher Aussagekraft am Mikrowellen-Hintergrund. - © ap
Winzige Temperaturveränderungen mit hoher Aussagekraft am Mikrowellen-Hintergrund. - © ap

Wien/Paris. (gral/ag) Neu gewonnene Erkenntnisse aus dem Universum rütteln an den Grundfesten unseres derzeitigen Verständnisses des Weltalls, hieß es am Donnerstag seitens der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Das Weltraumteleskop "Planck" hat einen Blick auf die älteste Lichtstrahlung geworfen und verrät das Alter des Universums in einer nie dagewesenen Genauigkeit. Den Daten zufolge ist es 13,82 Milliarden Jahre alt - das sind rund 80 Millionen Jahre mehr als bisher angenommen.

Laut ESA lieferten die neuen Daten zwar die bisher präziseste Bestätigung der gängigen kosmischen Theorien. Doch seien durch die außerordentliche Genauigkeit der neuen Karte auch einige ungeklärte Phänomene entdeckt worden. Neue physikalische Erklärungsversuche könnten dafür erforderlich sein.

"Für einen Kosmologen ist diese Landkarte eine Goldgrube", jubelt George Efstathiou, Astrophysiker vom Kavli-Institut an der Universität Cambridge. In diesen 15 Millionen Pixeln würden sich Geschichte und Zukunft des Universums verstecken.

"Planck" seit 2009 im All


Im Mai 2009 war "Planck" ins All geschossen worden, um, wie eine Zeitmaschine, zurück in die Vergangenheit des Universums zu blicken. Der Urknall fand, so die Auswertung der Daten, vor 13,8 Milliarden Jahren statt. Rund 380.000 Jahre später formten sich in einer extrem dichten und heißen Suppe die ersten Wasserstoffatome aus Protonen und Elektronen. Doch es blieben auch Photonen übrig. Die erlauben den Forschern heute einen Blick zurück in die Zeit, bevor sich aus winzigen Unregelmäßigkeiten die Sterne und Galaxien bildeten. Denn das Licht von damals ist aufgrund der Expansion des Universums heute als Mikrowellenstrahlung messbar.

Der vom Satelliten aufgezeichnete Mikrowellen-Hintergrund weist winzige Temperaturveränderungen auf, die sich mit Regionen von geringfügig abweichender Dichte in der Frühzeit des Universums decken. Rote Regionen sind etwas heißer, blaue dagegen etwas kälter. Doch handelt es sich dabei um Millionstel-Bruchteile eines Grades. "Mit einem Blick auf dieses Bild können wir 13,8 Milliarden Jahre in der Zeit zurückgehen", erklärt ESA-Chef Jean-Jacques Dordain.

Die "Planck"-Daten präzisieren die Erkenntnisse der beiden Vorgängermissionen Cobe (1989) und WMAP (2001) der US-Raumfahrtbehörde Nasa, die ebenfalls die minimalen Temperaturschwankungen im Mikrowellen-Hintergrund untersucht hatten. Auf dem "Planck"-Komplettbild des Universums machten die Forscher nun unter anderem einen "kalten Fleck" aus, der sich über ein wesentlich größeres Areal am Himmel erstreckt als erwartet. Für diese und weitere von "Planck" nachgewiesene Anomalien suchen die Forscher nun nach plausiblen Erklärungen.

Andere Zusammensetzung


Aus den Messungen können die Forscher auch ablesen, dass sich das Universum etwas anders zusammensetzt als bisher angenommen. Die "Gewöhnliche Materie", aus der Galaxien, Sterne und auch die Erde bestehen, trägt demnach 4,9 Prozent (statt ursprünglich angenommen 4,5 Prozent) zur Massen- und Energiedichte des Universums bei.

Auf die sogenannte "Dunkle Materie", die sich nur über den Einfluss ihrer Schwerkraft bemerkbar macht, entfällt den neuen Daten zufolge ein Anteil von fast 26,8 Prozent (bisher 22,7 Prozent). Hingegen fällt die rätselhafte "Dunkle Energie", die für die immer schnellere Ausdehnung des Universums verantwortlich gemacht wird, mit 68,3 Prozent (statt 72,8 Prozent) weniger ins Gewicht als bisher vermutet.

"Plancks" Datenfülle ist jedoch erst der Anfang, denn viele weitere Messungen sind noch nicht ausgewertet. In nächster Zeit wird sich der Datensatz auf jeden Fall verdoppeln.