Wien. (gral/ag) Vor rund 40 Jahren nahm die personalisierte Krebsmedizin ihren Lauf. Damals wurde entdeckt, dass ungefähr 50 Prozent aller Brustkrebspatientinnen Östrogenrezeptoren im Zellinneren ihrer Karzinome haben. Seither forscht die Medizin an der Differenzierbarkeit der Krebszellen und deren individueller Behandlungsmöglichkeiten.

Diese Forschungsarbeit hält nun erstmals in Österreich Einzug in den Klinikalltag der Onkologie. Im Rahmen der sogenannten Exact-Studie mit rund 50 Patienten soll am Comprehensive Cancer Center (CCC) der Medizinuni Wien und des AKH ein entsprechendes System zur individualisierten Krebsmedizin etabliert werden. Den Beginn der Studie werden Krebskranke bilden, bei denen die bisherige Standardtherapie bereits erfolgt ist und nicht mehr genügend Wirkung zeigt.

"Keine Spielerei"

"Wir wollen mit dem Exact-Projekt belegen, dass man durch ein solches System die Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung bei Patienten, für die wir sonst keine etablierten Behandlungsoptionen mehr haben, um 30 Prozent verlängern können. Das wäre für diese Patienten schon ein sehr großer Erfolg", erklärt der Onkologe und CCC-Leiter Christoph Zielinski. Die Sache sei auf jeden Fall keine wissenschaftliche "Spielerei", betont der Mediziner.

Der Ablauf erfolgt folgendermaßen: Erklärt der Patient seine Einwilligung für die Aufnahme in das Projekt, werden entnommene Gewebeproben genetisch auf charakteristische Mutationen und Merkmale untersucht. Im Labor erfolgt auch schon die Suche nach passenden und erhältlichen Wirksubstanzen. In Folge wird für den einzelnen Patienten ein Behandlungsplan erstellt.

"Wir entwickeln einen Algorithmus, bei dem wir die genetischen Daten mit den zur Verfügung stehenden zielgerichteten Medikamenten in Verbindung bringen wollen. Dann kommt ein Vorschlag für die Therapie heraus. Das System soll selbst lernend sein", erklärt Stefan Thurner vom Institut für Komplexe Systeme der Medizinuni Wien. Man schätzt, dass man nach 5000 bis 10.000 Fällen soweit sein könnte, automatisierte Behandlungsvorschläge für jeden einzelnen Patienten zu generieren. In Zukunft soll auch durch wiederholte Biopsien die Entwicklung der Tumore untersucht werden, um eventuell die Therapie adaptieren zu können.

Bei dem Projekt geht es grundsätzlich um den Beweis der Machbarkeit. Beteiligt ist ein Pool an Spezialisten: etwa Pathologen, Onkologen, Bioinformatiker und Molekularbiologen.

Die personalisierte Medizin wirft allerdings auch viele neue Fragen auf. So kann es geschehen, dass die Onkologie so genau auf einzelne Patienten ausgerichtet wird, dass man statistisch auswertbare Fallzahlen für klinische Studien nicht mehr erhält.

Außerhalb der Zulassung

Die Unterschiedlichkeit von Krebszellen auch innerhalb der vermeintlich bestehenden Krebsarten wird auch Auswirkungen auf die Zulassung bzw. die Bezahlung von Therapien haben. Denn bestimmt man etwa bei neun Proben von Prostatakarzinomen ihre Charakteristika, stößt man auf neun verschiedene Karzinome. So kann sich etwa bei einem solchen Krebs herausstellen, dass ein Tumor vorliegt, der die Kennzeichen von Magenkarzinomzellen aufweist. Gibt es ein wirksames Medikament, das eigentlich für Magenkrebs zugelassen ist, könnte die Notwendigkeit entstehen, es außerhalb des eigentlich genehmigten Verwendungszweckes, eben beim Prostatakarzinom, anzuwenden.