Risiko für die Einschleppung fremder Arten per Schiff (dicke und helle Linien = hohes Risiko). - © M. Gastner
Risiko für die Einschleppung fremder Arten per Schiff (dicke und helle Linien = hohes Risiko). - © M. Gastner

Wien. (est) Es liegt in der Evolution von Lebewesen, sich neue Lebensräume zu erschließen. Natürliche Migration geht aber relativ langsam vor sich und stößt bei Gewässern, Bergen, Eis oder Wüsten an ihre Grenzen. Natürlich werden diese Barrieren immer wieder überwunden, etwa wenn Käfer auf Treibholz zufällig neue Inseln erreichen. Da nur wenige die "Überfahrt" schaffen, können sich ortsansässige Arten leichter auf Neue einstellen - oder sie zurückdrängen.

Menschenverursachte Einschleppungen haben andere Dimensionen. Regelmäßige Schiffs- und Flugrouten erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass gleiche Arten an einen Ort gelangen, um ein Vielfaches. Zudem werden enorme Strecken mit viel höherer Geschwindigkeit zurückgelegt, als Lebewesen es normalerweise tun. Ob Killeralge, Wollhandkrabbe oder Bohrmuschel - sie alle fuhren per Anhalter in Frachtschiffen tausende Kilometer über die Meere, um neue Gefilde zu erobern. In einigen Regionen siedeln sich gleich mehrere Arten pro Jahr an.

Wissenschafter der Universität Oldenburg und der University of Bristol haben nun erstmals systematisch ermittelt, dass viel befahrene Häfen das wichtigste Einfallstor für fremde Tier- und Pflanzenarten aus dem Meer sind. Das liegt nicht nur an der Zahl der Schiffsbewegungen, sondern auch am Klima und an der Meerestemperatur am Zielort. Weitere Einflussfaktoren sind der Schiffstyp und die Gegebenheiten am Start- und Zielort. Containerschiffe etwa fahren schneller als Öltanker und können den Prozess der Bio-Invasion beschleunigen, berichten die Forscher in "Ecology Letters". Sie haben eine mathematische Analyse von drei Millionen Schiffsbewegungen aus 2007 und 2008 gemacht und aus den Daten Karten erstellt, die zeigen, über welche Routen die Einwanderer in welche Teile der Erde gelangen. Die Modellrechnungen zeigen "alle die gleichen Hotspots und Hochrisikorouten für Bioinvasionen an", sagt Michael Gastner, Biologe der University of Bristol.

Die fremden Arten erreichen neue Gebiete im Ballastwasser. Frachtschiffe nehmen es am Ausgangshafen auf, um sich mehr Stabilität zu verleihen. Am Ziel wird das Ballastwasser zumeist direkt im Hafen abgepumpt. Laut den Forschern ist dieser Prozess der größte Förderer für Bio-Invasionen überhaupt. Etwa hat es die Zebramuschel auf diesem Weg vom Schwarzen Meer bis in die Großen Seen Nordamerikas geschafft, wo sie erstmals 1988 nachgewiesen wurde. Die Zebramuschel ist durchsetzungsfähig und stört das biologische Gleichgewicht.

Gegensteuerung wäre


relativ leicht möglich


Entgegen früheren Untersuchungen rein auf der Basis des Schiffsverkehrs finden sich die Nordseehäfen nicht unter den Top-20 auf der Liste. Das Wasser ist dort laut den Forschern für tropische Arten zu kühl. In die Nordsee würden nur Arten aus ebenfalls kühlen Gebieten, etwa von der anderen Seite des Atlantiks, eingeschleppt. Umgekehrt haben Nordsee-Bewohner ihre Heimat auch an Nordamerikas Ostküste.

Als "Ballungszentren der Bioinvasion" machen die Forscher die Riesenhäfen von Hongkong und Singapur aus. Neben einer hohen Verkehrsdichte bieten sie ein mildes Klima. Stark gefährdet sind auch der Suezkanal und der Panamakanal. Ihnen drohen invasive Arten aus allen Weltregionen.

Die Forscher betonen, dass Bioinvasionen sich schon mit simplen Mitteln eindämmen ließen. Würde man Ballastwasser allein in den in zehn Häfen mit dem höchsten Risiko vor dem Ablassen filtern, könnte dieses sich weltweit um ein Viertel senken lassen. Würde man das an jedem Hafen tun, läge das Risiko bei minus 82 Prozent.

In Europa gibt es 11.000 fremde Arten. Auch über den Landweg erreichen sie neue Gefilde. Etwa kam ein Schmetterling aus Asien, der Buchsbaumzünsler, mit Transporten nach Österreich. Seine Raupe frisst sich durch die heimischen Buchsbestände.